Er konnte so überzeugend diesen wirklichen Scheißbullen spielen, der mit Pedanterie und Jagdinstinkt, geheuchelter Freundlichkeit, unerbittlicher Beharrlichkeit wegen jeder Kleinigkeit und gnadenloser Geduld ein zähes Netz um jemanden spannte, den er schon früh als Täter erkannte; immer mit schrottreifem Auto, schäbiger Kleidung und einer billigen Zigarre im Mund bewegte er sich durch die Parallelgesellschaft der Reichen und Schönen wie ein Elefant durch einen Porzellanladen; und wenn er sich dann endlich abwandte, um zu gehen, drehte er sich doch meist noch einmal um, denn “eine Frage” hatte er noch — oh nein, es ging nicht nur mir beim “Inspektor Columbo” so, dass ich Mitleid mit dem Mörder bekam…
Zumal die Spannung aller Columbo-Folgen auch gar nicht daher rührte, sich mit der Frage zu beschäftigen, wer wohl der Mörder gewesen sein konnte, denn das war dem Zuschauer von Anfang an bekannt, er hats selbst gesehen, wurde einsamer Augenzeuge der meist unfassbaren Niedertracht und oft grenzenlosen Gier dieser Tat. Die Spannung kam aus dem sorgfältig komponierten Drama, in dem dieser Mörder in die Enge getrieben und schließlich gestellt wurde, in dem ihm fortschreitend noch die Luft zum Atmen genommen wurde, wenn diese sich so gern dumm stellende, ausgesprochen penetrante und unerbittliche Überich-Figur Columbo immer mehr Raum im Leben des Täters einnahm, ohne dass dabei eine Gegenwehr möglich war — und darin, wie der Täter sich doch immer wieder mit einem kleinen Hakenschlag Luft und Entlastung zu verschaffen suchte, obwohl er, wie jeder Zuschauer wissen musste, doch keine Chance bei solchem Versuche hatte.
Mit beinahe allen vertrauten Erzählformen des Kriminalromans hatte die Columbo-Reihe gebrochen. Wer zuschaute, wusste, was in den folgenden knapp neunzig Minuten geschehen wird, und doch verbreiteten diese Fernsehfilme keine Langeweile. Das lag nicht nur an ihrer für TV-Verhältnisse sehr aufwändigen Produktion, es lag vor allem an Peter Falk, der den Inspektor Columbo so spielte, dass man beim Zuschauen vergaß, es mit einer Fiktion zu tun zu haben. Und dieser Columbo machte in seinem ganzen Auftreten klar, dass hier nicht nur ein Mordfall zu klären ist, sondern dass diesem Fall ein gesellschaftlicher Konflikt übergeordnet ist. Keinen Hehl machte Columbo aus seiner Armut und seiner schlechten Entlohnung im Polizeidienst, offen und ohne einen Hauch von Scham sprach er davon, sich keine bessere Kleidung kaufen zu können und fragte manches Mal die Superreichen, in deren prachtvollen Villen und Kunstwelten er sich bewegte, wo man dieses oder jenes preisgünstig erwerben könne — er brauchte ja dringend ein paar neue Schuhe. Dieser Kontrast zu jenen gesellschaftlichen Schichten, die über solche existenziellen Sorgen weit erhoben sind, in denen Menschen aber dennoch aus einer unersättlichen Habgier morden, er hatte einen großen Anteil an der Faszination jeder Columbo-Folge. Dem Zuschauer, der sich diese Kriminalfilme anschaute und dessen Leben doch eher vom Arbeiten-Müssen und Mangel an Gütern geprägt war, wurde in der Gestalt Columbos ein tiefer Wunsch erfüllt: Die Leichen, die alle Besitzenden in ihren Kellern haben müssen, auszugraben und die Besitzenden dafür wie ein überlegener, eiskalt kalkulierender Rachegott zur Verantwortung zu ziehen, ohne dass es für sie ein Entrinnen vor der Gerechtigkeit gibt. Leider. Geschah das doch nur in der Fiktion — aber die Illusion war so gut, dass man sie sich gefallen ließ.
Ja, sie war so gut, dass ich über Columbo schreibe, weil Peter Falk gestorben ist.





Eins hast du vergessen, nämlich Columbos Markenzeichen: “Ach, entschuldigung, ich hätte da mal noch eine Frage.” .. Das war der Moment, in dem er den Fall gelöst hatte.
Columbo jagte die verfetteten Kotzbrocken der Oberschicht, richtig. Irgendwann Anfang der 1990er Jahre änderte sich jedoch das gesellschaftliche Klima. Da kam die Idolatrie des wirtschaftlichen Erfolgs auf, im TV zelebriert durch “Wirtschaftsexperten” und Börsenbericht zu jeder vollen Stunde. Ich erinnere mich an TV-Shows, wo Wirtschaftsbosse wie Stars präsentiert wurden, von devoten Journalisten zu ihrer “Philosophie” befragt. Die kriminellen upper-class-Typen paßten jetzt nicht mehr ins Bild, waren sozusagen “politisch inkorrekt”. Das war der Moment, wo in Kriminalromanen und -filmen plötzlich das Serienkiller-Motiv fast dominant wurde. Je widerlicher, desto größer die Begeisterung, erstaunlicherweise gerade bei der Film- und Literaturkritik. Der Serienkiller, das ist einer, der in einer verdreckten Unterkunft haust, sich nicht rasiert, lange Haare hat und immerzu irre in die Kamera grinsen muss. Ein Unterschichtler, klar für jeden Kino-Gänger erkennbar. Und das ist so bis heute geblieben, z.B. in diesen widerlichen “CSI”-Serien. Ich bin eigentlich Krimi-Liebhaber, sozialisiert durch Krimi-Reihen der 1970er Jahre, schwarze Rowohlt-Reihe und so weiter. Aber dass man praktisch seit 20 Jahren durch diesen Serien-Killer-Dreck waten muss, das hat mir Kino und TV fast ganz entfremdet. Da greife ich doch lieber auf “Kalle Blomquist” zurück. Und Columbo erscheint heute wie eine Lichtgestalt an Vernunft und menschlichem Maß.
Vor zwanzig Jahren gab es mal die Theorie, dass Hollywood mit seiner Darstellung des “american way of life” eine mächtige Werbung für die USA sei, vor allem in den Entwicklungsländern. Heute ist das meiner Ansicht nach eher umgekehrt. Es gibt doch nichts Abstoßenderes als aktuelle amerikanische crime-Serien.
man “muss” sich nichts ansehen.
auch finde ich deine wahrnehmung auch etwas seltsam.
in us-krimiserien gibt es durchaus anderes als serienkiller. den mittelpunkt dort bzw. die veränderung gegenüber früheren serien bilden eher die weiter entwickelte gerichtsmedizin, ihre methoden und hier speziell die art und weise der spurensicherung.
ansonsten wären da noch die tatorte und die diversen englischen und schwedischen krimiserien zu nennen, die allesamt sehr profilierte bilder der gesellschaftlichen realität zeichnen und in denen samt und sonders praktisch ebenfalls nie serientäter vorkommen.
next.
Gerichchtsmedizin und Kriminaltechnik als Schauplätze von Krimis haben natürlich ihre Berechtigung. Als ich vor langer Zeit den ersten “CSI”-Film gesehen habe, fand ich das eigentlich auch ganz interessant. Aber ich finde, dass diese Filme sehr problematische Bilder vom Verbrechen und vom Verbrecher transportieren, Bilder, die sie mit den Serienkiller-Filmen teilen.
Vielleicht täusche ich mich ja über den Zeitpunkt, aber ich denke doch, dass seit den 1990er Jahren der Verbrecher als “das Böse” schlechthin dargestellt wird. Ein Typ außerhalb der Gesellschaft, fast kein Mensch mehr, sondern von irgendeiner dämonischen Macht getrieben. Die Lösung ist, ihn mit Feuer und Schwert auszutilgen.
Diese Filme legen es darauf an, im Zuschauer Hass als vorherrschende Emotion hervorzurufen. Der Verbrecher ist so bösartig und sadistisch, dass man den Polizeiinspektor versteht, wenn er das Gesetzbuch beiseitelegt und mit Brutalität und Gewalt vorgeht. Das dürfte auch die eigentlich gewollte “message” dieser Filme sein. Gegen “das Böse” ist jede Gewalt erlaubt, man führt einen Krieg dagegen.
Dazu im Gegensatz die 1970er und 80er Jahre: das Verbrechen entsteht mitten in der bürgerlichen Gesellschaft und aus ihren Bedingungen. Es sind manchmal die Ghettos der Großstädte, in denen das Verbrechen nistet, öfters noch sind es aber die vornehm zurückgesetzten Villen der Arrivierten, mit ihren übergroßen Garagen, mit Gärtnern und Hauspersonal. Und es sind sehr menschliche Motive, die die reichen Leute zu ihren Taten treiben: Habgier, Sex, Alkoholismus. Das Verbrechen kommt aus der bürgerlichen Mitte. Die Bösen sind die reichen Weißen: der habgierige Doktor, der sich auf Drogengeschäfte einläßt, der Polizeichef, der ein bißchen an den krummen Geschäften in seinem Bezirk mitverdienen will, etc etc. Das Verbrechen hat irgendwelche nachvollziehbaren Gründe. Vielleicht hat der Verbrecher Schulden und er bringt deswegen den reichen Erbonkel um. Vielleicht hatte er eine schwere Kindheit, seine Mutter hat ihm dauernd Mädchenkleider angezogen und davon hat er einen Knacks bekommen etc.
Fast immer kann man als Zuschauer die Motive des Verbrechers verstehen und am Ende empfindet man manchmal vielleicht sogar ein bisschen Mitleid mit dem Typen, wenn er sich unentrinnbar im Netz seiner eigenen Lügen verstrickt, bis ihm endlich – fast wie eine Erlösung – Columbo die Handschellen anlegt.
Der Detektiv hat seine Dienstpistole zwar dabei, aber er vermeidet es so lange wie möglich, Gewalt einzusetzen. Er seziert die Psychologie der Leute relativ gelassen. Ihm ist nichts Menschliches fremd. Er hat keine Mission, das Böse zur Strecke zu bringen, sondern will lediglich das entführte Kind wieder nach Hause bringen, Unschuldige vor weiterem Schaden bewahren etc. Darüber hinausgehend macht er sich keine Illusionen.