Eigentlich lernen wir nur aus Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen können, müßte von uns lernen.
Johann Wolfgang von Goethe
fliegen fliegen
klatscht die fliegenklatsche
fliegen an die wand –
dank der hand.
ohne hand
flögen fliegen
voller fleiße
flugs in scheiße
dann in mein gesicht –
ich mag das nicht.
die fliege flog,
die wand sie zog;
sie hat gedacht:
„genug gemacht, ich ruhe jetzt“ —
sie ward zerfetzt.
Ein wichtiger Nachtrag auf die Frage: “Schön, schön, und was möchte der Autor uns mit diesen erquicklichen Worten nun sagen?”
Diese Frage gemahnt an eine Situation aus der Schulzeit. Da liegt vor der Masse der zu Beschulenden ein Sortiment wohl geformter Worte, dicht und klar: ein Text, der die Stimme verstummen machen kann, so er gut ist. Und dann steht da so einer lässig am Pult und fragt in der Pose des erfahrenen Steißtrommlers durch das flackernde Neonlicht hindurch: “Was will uns der Dichter jetzt damit sagen?”
Was für eine Frage! Er hats doch schon gesagt, der Dichter. Und er hats doch schön gesagt. Was ist da noch zu sagen? So entsteht im Sprechenmüssen der schulische Kampf um niemals wirklich passen wollende Worte, der gedankliche Krampf im wiederkäuenden Ausdruck des längst ausgedrückten, der pieksende Stacheldrahtverhau des Kulturellen. Kein Wunder, dass im Zusammenhang der Beschulung denn so oft von der Zensur die Rede ist. Am Ende des Prozesses bleiben überwiegend Lesemenschen zurück, die den in Versform gegossenen Text systematisch nach formalen Kriterien, Binnenreimen, Metaphern und rhythmischen Figuren abklappern, bis sie darüber den Text zu erfassen vergessen, da sie einstmals bis zur Vergasung so lasen, weil sie so lesen mussten. Und denn bleiben natürlich noch die paar anderen, die fangen dann selbst an, sogeformt zu schreiben — von dumpfer Lust am Ausdruck eines diffusen Fühlens getrieben, so ganz ohne den tiefen Gedanken dahinter, den spätere Lehrer- und Kritikergenerationen als Essenz daraus destillieren werden, wenns ein bekannteres Elaborat geworden ist.
Genug der Vorrede. Ich komme zum Schluss. Zum Schließen — und zwar eher zum Erschließen denn zum Verschließen. Bitte erschießt mich jetzt nicht!
Das hier vorliegende Reimwerk von Elias Schwerdtfeger trägt den Titel “meine klatsche“. Es greift damit schon in seiner Benennung eine umgangssprachliche Bezeichnung für minderschwere intellektuelle oder mentale Defizite auf, die allerdings im alltäglichen Umgang eher dem jeweiligen Mitmenschen anderer Meinung angehangen oder nachgesagt werden. Man könnte glauben, der Dichter — es handelt sich hier eindeutig um eine Form der Dichtung, dies teilt sich dem Leser und Hörer deutlich in der strengen Form und im rhythmischen Aufbau des Textes mit — wolle schon anfangs betonen, dass er nicht mehr ganz dicht sei. Selten nur wird bereits vom Titel eines Werkes eine solche Lawine von verwirrenden Assoziationen im Unschärfebereich des Sprachlichen losgetreten — und dieser Mangel an Konkretion wird noch gefördert durch die formale Entscheidung zur radikalen Kleinschreibung, welche so geeignet dazu ist, die Grenzen zwischen den Wortarten zu einem matschigen Brei zu verschmieren.
Offenbar handelt es sich um die Auseinandersetzung mit einem Stück alltäglichen Irrsinns, mit der ganz gewöhnlichen Psychopathologie des Alltages. Der Hang zur Umgangsprache, gar zum verlallten Soziolekt des Saufkneipenpublikums steht dabei in reizvollem Kontrast zur Form des Textes, die in ihrer asketischen Strenge das Gesagte in etwas höhere Regionen der gesellschaftlichen Schichtung platziert. Ein Dunst von innerem Widerspruch, ja von Schizophrenie geistert dunkel zwischen diesen auf dem ersten Blick so harmlos anmutenden Zeilen hindurch.
Schon in der ersten Zeile zeigt eine tiefe, triefende Tauchgelegenheit in geradezu schlammiger sprachlicher Unbestimmtheit die bodenlose Genialität des Werkes: “fliegen fliegen“. Für sich betrachtet ists unklar, ob sich hier der Menschheitstraum vom Emporschwingen gegen die wuchtige Kraft der Gravitation in der Verdoppelung der schlichten Grundform des Verbes ekstatischen Ausdruck verschaffen will. Erst das klärende Wort “fliegenklatsche” baut ein tragfähiges Gerüst um die zarten Wolkenfäden möglicher Deutungen und Bedeutungen und gibt damit spät der “klatsche“, seiner Klatsche, besinnlichen Sinn.
Es sind Fliegen, die da fliegen. Kleine, primitive, hässliche summende Wesen, assoziiert zu müffelnden Müllstapeln und dem tabuisierten Exkrementiellen, schwirrende Brummwesen, für die Dädalus kein Mythos werden könnte, da der Flug ständige Erfahrung ist. Und “meine klatsche” ist ein schmetterndes Gerät, gemacht, um nicht auf das ikarusartige Ende dieser beneidenswerten Tiere bei der brutzelnden Landung auf Edisons leuchtender Erfindung, der Glühlampe, warten zu müssen.
Zwischen diesen starken Bildern der “fliegen” und der “klatsche” steht die greifende, mächtige Hand mit ihrer Kraft, Fliegen an die Wand zu klatschen. Der ganze Wahn des Menschseins, der zerstörerische Neid auf die zu sicht- und hörbaren besseren Lustmöglichkeiten in der Mit- und Umwelt konzentriert sich in der Hand, die in destruktivster Weise zu handeln vermag. In dieser menschlichen Möglichkeit, die in entfernteren Anklängen an abschmelzende Polkappen, Atomwaffen und städtebauliche Experimente wie Hannover denken lässt, bekommt die Klatsche Macht, indem sie kaputt macht. Der sprachliche Bruch, der plötzliche Verzicht auf den aliterativen Stil der Sprache verstärkt diesen Eindruck, dass hier die Haltung ewiger Ergebenheit in ein unabwendbares Schicksal aufgegeben wird und ein Mensch mit Klatsche zu handeln beginnt.
Diese sparsame, aber doch tiefe Metapher wird vom Dichter nicht aufgegeben. Aber im Verlauf des Gedichtes zeigt sich eine beständige Abnahme der Aliterationen, so als würde ein Summen und Rauschen in der Umgebung immer leiser werden, bis die letzte ruhende Fliege zerfetzt als verschmierter Fleck an der Wand eines Menschen mit einer großen Klatsche klebt. Hernach ist der Handbenutzer allein, ein tragischer Held inmitten ausgesummter Kadaver. Fliegen kann er immer noch nicht, die Verlängerung der Hand durch eine Klatsche ist obsolet geworden, die Tapete ist mit Flecken übersät. Was wird unser Held wohl mit seiner Hand machen?
Jedes gute Werk lässt eine Frage offen.
Die Gehirne müssen neu verdrahtet werden.




Auf die Gefahr hin ein bisschen trollig zu wirken muss ich das Thema auf etwas ganz anderes bringen: in Hannover gibt es nur eine wahre Klatsche – diese hier
.
Jemand, der hier ein “bisschen trollig” wirkt, fällt zurzeit gar nicht weiter auf.
Schade, dass ich gerade keine gute Netzanbindung habe und Video gucken kann…
@bio
du wirkst nicht nur trollig, wie du selber erkennst – du bist ein troll. ein kleiner erkenntnis schritt für dich, ein grosser für die menschheit.
@nachtwächter
die rezension deines eigenen textes ist immerhin ganz witzisch, wenn sie auch, wie bei den meisten kritikern, überlänge hat.
Bitte genau hinsehen – ich bin nicht bio (weder als Person noch von den Ernährungsgewohnheiten her).
Ich glaube, hier ist mittlerweise jeder Kommentator “bio” geworden. Jedenfalls, wenn er einer der anderen Kommentatoren ist.
nönö. du doch auch nicht. und ich nicht und verschiedene andere auch nicht.
das wird schon richtig von wordpress angezeigt.