Aus der Sicht eines Fotografen, der in einem komponierten Abbild das Seiende festzuhalten sucht, um die beabsichtigte Sicht auf das Seiende zu vermitteln, ist die belebte Natur nur problematisch. Schon die Pflanzen können bei solchem Anliegen “widerspenstig” sein, wenn sie die vielen Spuren ihrer Rolle im System der Ökosphäre zeigen. All diese angenagten Blätter, Gallen, beschädigten Blüten und abgeknickten Äste und Stängel entsprechen meist nicht dem Bild, das vom fotografierenden Subjekt durch das Objektiv der Kamera gezeichnet werden soll, und die geeignete Motivwahl kann viel Zeit kosten.

Noch schwieriger ist es freilich, Fotos von lebenden Tieren zu machen. Während die Pflanzen wenigstens noch an ihrem Ort bleiben und dem Fotografen die Möglichkeit geben, in aller Ruhe die beste Perspektive für das gewünschte Bild auszuwählen, befinden sich die lebendigen Tiere in ständiger, oft quicker Bewegung und eignen sich deshalb gar nicht gut für eine Verwendung ihres Abbildes in einem Foto, das beabsichtige Bilder in die Köpfe der Betrachter werfen soll.

Aus der Sicht des Fotografen haben tote Tiere für sein Anliegen einen großen Vorteil, da sie sich der Verwendung als Bildmaterial in keiner Weise mehr durch irgendeine Lebendigkeit widersetzen. Sie können beliebig drappiert werden, mit dekorativem Material umgeben werden, unter Scheinwerfern in geeignetes Licht gerückt werden und wie jedes andere, leblose Objekt auch mit diversen Hilfsmitteln dazu gebracht werden, die passende Farbe und den gewünschten Glanz für das shooting aufzuweisen. Das ist wohl auch der Grund dafür, weshalb die allermeisten Fotos tierischen Seins, die jeden Tag mit der Werbung in die Haushalte gebracht werden, Bilder toter Tiere sind:

Eine Seite Reklame mit Fleisch-Angeboten eines Supermarktes

Und nicht nur für Fotos haben tote Lebewesen einen solchen Vorteil, sondern für jedes Ansinnen, die Komplexität der belebten Wirklichkeit und des darin entstehenden Systemverhaltens in ein abstraktes, leicht behandelbares Abbild mit gewünschten Eigenschaften zu packen — etwa auch für die Abbildung des Lebens in nummerische, wissenschaftliche Modelle. Auch hier entsteht oft der Eindruck — zumal in Zusammenhängen, in denen mit solchem Abbilden der Wirklichkeit Geld verdient werden soll — dass man den abgebildeten Sachverhalten vor einer solchen Behandlung jedes störende Leben entzieht.