Archive for April, 2008


Von lechts und rinks

Zeitgenosse (sich offenbar selbst für politisch haltend): “Sag mal, bist du politisch eigentlich rechts oder links?”

Nachtwächter: “Ich bin weder rechts noch links, denn ich sitze nicht in einem Parlament. Diese Begriffe haben keinen Inhalt, sie geben nur die Sitzordnung im Plenarsaal wieder. Dass sich dennoch eine Partei als ‘Linkspartei’ bezeichnet, zeigt vor allem eine gewisse inhaltliche Leere, die für die Reklame durch ein Nichts sagendes, mit Beliebigem füllbares Wort ausgeglichen werden muss. Also frag mich nicht nach lechts und rinks, denn abgesehen von der Sitzordnung sind damit keine wirklichen Positionen mehr verbunden. Frag mich lieber nach oben und unten, und dann schau mich an, wie ich hier bettele und allerlei Gespräche führe und entscheide daran selbst, ob ich wohl politisch eher oben oder eher unten stehe! Die sich als rechts und links verorten, die stehen jedenfalls eher oben, und daher kommt auch die völlige Nutzlosigkeit ihrer Politik für jene, die unten stehen. Aber eines ist beachtlich. Je kleiner der Unterschied zwischen den Positionen wird, die sich in diesem menschfernen lechts-rinks-Geschwafel verbergen müssen, desto größer wird der Kluft zwischen oben und unten.”

Ich werde zurzeit immer wieder einmal gefragt, was ich von dieser ganzen Situation mit China, Tibet und den so genannten “Olympischen Spielen” halte. Und ich kann. Darauf immer wieder nur die gleiche Antwort geben. Nämlich. Dass ich darüber nichts weiß. Jedenfalls. Nichts, was ich nicht durch Medien wüsste, die ich nicht nur wegen ihrer wirtschaftlich-politischen Bedingtheit für sehr fragwürdig halte, sondern angesichts der Tatsache, dass alle diese Medien an der Berichterstattung von dieser weltweiten Doping-Show im Sommer wegen des damit verbundenen guten Geschäftes teilhaftig sein werden, für ausgesprochen heuchlerisch und verlogen in ihrer Parteinahme “für die Freiheit Tibets” halte.

Ich kenne keinen Menschen in Tibet und habe den ganzen “Informationen”, die so wenig Bedeutung für das Leben der meisten hier lebenden Menschen haben, nichts hinzuzufügen. Abschreiberlinge der Contentindustrie gibt es schon genug. Auch. In der deutschen Bloggosphäre.

Doch was ich wie eine Randbemerkung dazu zu sagen habe, stößt auf in der Regel auf besonderes Unverständnis der mich Fragenden. Denn. Dieser so genannte “Dalai Lama” ist ein Mensch, der sich mit dem Titel “Seine Heiligkeit” ansprechen lässt, der von seinen Anhängern als ein “Gottkönig” bezeichnet wird und der damit ganz offensichtlich für die Idee einer zu errichtenden Theokratie in Tibet steht. Allein damit. Hat er bei mir. Jede. Sympathie. Verspielt. (Und zwar endgültig.)

Dass sich gerade so viele Kameras für irgendeine durch Landschaft und Polizeibewachung getragene Fackel interessiert haben, ist für mein Leben etwa so bedeutsam wie die Reissäcke, die zuweilen in China umfallen. Und für das Leben der meisten Menschen, die mich wegen ihrer medial gelenkten Aufmerksamkeit danach fragen, ebenso. Morgen ist wieder “Big Brother”, “DSDS” oder sonstwas. Ein Theater, dass nicht nur keinen einzigen Gedanken wert ist, sondern auch viele wichtigere Gedanken verdrängt. Bitte. Erspart mir solche Fragen. Mir. Und. Euch.

Ein Blogverbot für Polizisten

Angesichts der kürzlich beschlossenen Ausweitung der polizeilichen Kompetenzen, die demnächst unter dem Namen BKA-Gesetz zu geltendem Recht gemacht werden;

angesichts des deprimierenden Umstandes, dass ich mich fortan nicht nur der zerstörerischen Crackerattacken der Spammer und Scriptkiddies erwehren muss, sondern demnächst zusätzlich immer damit rechnen muss, dass bundesstaatliche Behörden der BRD wegen schwammiger und nichtssagender Indizien einen Crackerangriff gegen meinen Rechner oder gegen Teile meiner Internetarbeit fahren;

angesichts der zunehmenden Heimlichkeit, geplanten technischen Perfidie, Undurchschaubarkeit, technokratischen Prägung, kurz, angesichts der zunehmenden “Geheimdienstlichkeit” in der Überwachung der Bürger durch einen täglich monströser werdenden Staatsapparat, der Bürger zunehmend als Feinde zu betrachten scheint;

angesichts einer jetzt auf Drängen der Innenpolitiker der BRD hergestellten Situation, unter deren Bedingungen jeder Mensch in der BRD damit rechnen muss, dass sein Computer vorsätzlich durch eine Mail, ein Programm oder eine Datei sabotiert wird, die von Behörden der BRD ausgeht, was sogar so eine Tätigkeit wie die nun vorgeschriebene, elektronische Form der Steuererklärung zu einer riskanten Angelegenheit für jeden macht, der die Inhalte von Datenträgern seines Computers nicht zum Gemeingut werden lassen will;

angesichts eines Wahnsinns, der es sogar möglich, ja, ob der für jeden Menschen zu beobachtenden politischen Schamlosigkeit beinahe wahrscheinlich erscheinen lässt, dass demnächst in der BRD neu gekaufte Computer “vorsorglich” und zur “sicheren Durchführung” der “neuartigen polizeilichen Maßnahmen” mit Malware verseucht sein könnten;

angesichts des Problems, dass diese von Seiten des Staates vorsätzlich und feindselig in laufenden Computersystemen implementierte Lücke auch sehr leicht zum willkommenen Einfallstor für kriminelle Cracker aus der Spam-, Porno- und Warez-Mafia werden kann;

angesichts des realsatirischen rechtsstaatlichen Selbstmatts, dass eine solche Malware nicht nur Beweismittel finden kann, sondern — ihr Funktionieren einmal vorausgesetzt — genau so leicht die später gefundenen Beweismittel eigenständig auf dem befallenen Rechner anlegen und damit gewaltige Möglichkeiten zur individuellen Willkür von Amtsträgern eröffnen kann;

und angesichts der wenig erfreulichen Tatsache, dass diese zusätzliche, unnötige und in ihrem Stil eher geheimdienstliche Bedrohung der Datensicherheit und Intimität eines jeden Menschen in der BRD demnächst zum allgemeinen Hohn für alle Beteiligten und Betroffenen auch noch als Polizeiarbeit gelten soll;

verbiete ich mit sofortiger Wirkung jedem Polizeibeamten in der BRD und jedem Mitarbeiter einer Polizeibehörde der BRD die Benutzung dieser Website.

Dieses Verbot erstreckt sich ohne Unterschied auf jeden Mitarbeiter, einschließlich Putzpersonal, Kantinenmitarbeiter und Bürokräfte, die mit ihrer täglichen Arbeit einen Beitrag zur Ausbreitung der zunehmenden Gefahr für die Privatheit des individuellen Lebens und für den persönlichen Datenschutz leisten.

Ich kann dieses Verbot natürlich nicht durchsetzen, aber wenn sie ein Polizeibeamter des Bundes oder eines Bundeslandes der BRD sind, oder wenn sie in einer Polizeibehörde in der BRD mitarbeiten und diese Website lesen, sollten sie sehr genau wissen, dass sie hier nicht erwünscht sind. Wenn sie einen Rest von persönlicher Würde und Zivilisation besitzen, werden sie das gewiss respektieren können — ähnlich wie sie im Privatleben ein Hausverbot respektieren. Wenn sie aber keinen Rest von persönlicher Würde und Zivilisation haben, werden sie sich angesichts der Inhalte dieser Website hingegen schnell fragen, was sie hier eigentlich verloren haben sollten.

In den folgenden Monaten werde ich meine Logdateien gewissenhaft überprüfen. Sollte ich dabei feststellen, dass das hier ausgesprochene Verbot dergestalt ignoriert wird, dass diese Website regelmäßig in Polizeidienststellen und polizeilichen Institutionen gelesen wird, dann werde ich die entsprechenden IP-Bereiche so weit wie möglich auf technischem Wege sperren, ohne darauf noch einmal besonders hinzuweisen. Ich gehe dann nämlich angesichts eines solchen Verhaltens davon aus, dass die für jegliche Form der Kommunikation erforderlichen sozialen Grundlagen nicht mehr gegeben sind.

Anmerkung für Polizeibeamte: Es gehört nicht zu meinen Absichten, Polizeibeamte zu diskriminieren oder auch nur zu beleidigen. Deshalb habe ich mir die größte Mühe in der Wahl meiner Worte gegeben, um keinen falschen Eindruck des Schimpfes entstehen zu lassen. Es handelt sich hier um eine passive und maximal friedliche Form des Widerstandes; um eine stumme Demonstration, die völlig klar machen soll, dass sich das Verhältnis zwischen Bürgern und Polizei durch die momentane Gesetzgebung in einer Weise verfinstert, die niemandem dienen wird.

Wenn sie Polizist sind, werden sie das vielleicht verstehen können, denn es wird auch ihren Alltag betreffen. (Als wenn ihr Alltag nicht schon trübe genug wäre!) Wenn sie es aber nicht verstehen können, denn werfen sie bitte nicht mir eine Diskriminierung oder eine Beleidigung vor; denn ich bin es, der durch die allmähliche Aushebelung der Unschuldsvermutung, durch den inzwischen zu “Recht” gewordenen Wahnsinn einer totalen staatlichen Datenerfassung und durch die zunehmende “Geheimdienstlichkeit” von Ermittlungen, die sich gegen einen immer größeren Personenkreis richten, diskriminiert und beleidigt wird. Allerdings nicht von ihnen als Polizeibeamter, sondern von ihrem Dienstherrn. Da sie mir jedoch als Polizeibeamter und damit als ausführende Instanz dieser ungemessenen Form der staatlichen Gewalt gegenüber treten, sollten sie sich nicht darüber wundern, dass der Umgangston bei aller formaler Höflichkeit einen sehr rauen, bestimmten und unfreundlichen Ton annimmt. Wenn ihnen das nicht gefällt, wenden sie sich bitte an die innenpolitischen Fachleute der derzeitigen Bundesregierung.

Zur Onlineüberwachung

Aus der Sicht eines Innenpolitikers ist so etwas wie die Online-Überwachung der Menschen in der BRD durch eine heimlich installierte Schadsoftware gar kein abwegiger Gedanke. Sondern. Eine Kontinuität dessen, was schon lange im Namen des Volkes Staates getan wird. Noch nie hat der Staat die verfügbaren Gewaltmittel den Verbrechern überlassen. Ganz. Im. Gegenteil. Wann immer ein gewaltsames Mittel zur Durchsetzung der staatlichen Interessen gegen das Individuum nützlich sein konnte, wurde es auch verwendet; oft sogar staatlich monopolisiert. Der Polizist. Der das weit gehende Verbot für die Einwohner Deutschlands durchsetzt, sich auch selbst mit einer Waffe verteidigen zu können, trägt “seine” Waffe am Gürtel.

Der so genannte “Staat” ist nichts weiter als eine streng ritualisierte und mit Gewalt monopolisierte Gewaltmöglichkeit einer herrschenden Minderheit gegen die Mehrheit der Menschen innerhalb der Grenzen dieses Staates. Diese Gewalt. Kann subtil angewandt werden. Oder aber auch, wenn das jener herrschenden Minderheit nicht mehr wirksam genug erscheint, auf gröbere Weise. Das ist alles. Und. Das ist auch. Das ganze Problem. Der “Bundestrojaner” ist nur eine Erscheinungsform dieses Problemes.

Der »Hexenhammer«

Hairesis maxima est opera maleficarum non credere.
[Die größte Häresie ist es, an das Werk der Hexen nicht zu glauben.]

Das Titelblatt des HexenhammersDer Hexenhammer (lat.: malleus maleficarum) ist eine dreiteilige Abhandlung, die 1486 von Heinrich Kramer in Speyer veröffentlicht wurde. (Beim zweiten angegebenen Autor, Jakob Sprenger, ist es sehr zweifelhaft, ob er überhaupt mitgewirkt hat.) Der erste Teil dieses Buches “klärt” die Frage, ob es “Hexen” gibt und was unter ihnen zu verstehen sei — und kommt dabei schon im ersten Kapitel zum Schluss, dass jeder Mensch nur dadurch schon ein Ketzer werde, dass er nicht an Hexen glaubt. Unter weidlicher Benutzung von Bibelstellen und Zitaten der “Heiligen” wird ferner dargelegt, dass vor allem Frauen für die schwarze Magie anfällig seien. Der zweite Teil beschreibt in einer großen Sammlung notdürftig christlich angemalten, aufgeschnappten Aberglaubens, in welcher Weise die “Hexen” anderen Menschen angeblich Schaden zufügen, wobei besonders breit auf die Verursachung männlicher Impotenz eingegangen wird. Im dritten Teil wird dann in allen Einzelheiten dargelegt, wie Richter und Inquisitoren die Prozesse gegen “Hexen” kurz und zielstrebig durchführen sollen, um möglichst viele dieser “Hexen” auf den Scheiterhaufen zu bringen. Die besondere Effizienz dieser Form der Gerichtsbarkeit wird dabei vom Autor sehr gelobt, da es im Gegensatz zu anderen Verfahren nicht zu Verzögerungen durch eine Überzahl der gehörten Zeugen und Verteidigungsmöglichkeiten für die angeklagte Frau kommen könne. Zudem führe die dargelegte Vorgehensweise sehr häufig zu Geständnissen der angeklagten Frauen, was als besonders sicherere Grundlage für gerechte Urteile angepriesen wurde. Die zur Erzwingung der Geständnisse angewandte Folter brach beinahe immer die Schweigsamkeit.

Trotz seines Umfanges — meine kurze Zusammenfassung lässt nur erahnen, durch welch staubige Bleiwüste sich der Leser zu kämpfen hat — und seines teilweise schwierigen Stiles ist dieses Buch die erste Zusammenstellung einer Anleitung zur “juristisch legitimierten” Ermordung von Frauen am Rande der Gesellschaft, indem ihnen die Schuld und die Todesstrafe für allgemeinere Missstände zugesprochen wurde. Das Buch hatte den Charakter eines Handbuches. Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern ermöglichte dem Hexenhammer eine große Verbreitung; er wurde in 29 Auflagen herausgegeben, die letzte erschien im 17. Jahrhundert. Wie viele Menschen auf der Grundlage dieses Buches, das übrigens niemals durch irgendeine Kirche offiziell anerkannt wurde, aber dennoch in allen Kirchen jener Zeit Verwendung fand, ermordet wurden, wird sich wohl niemals mehr erfassen lassen. Sicher ist nur, dass jeder dieser Menschen — es waren beinahe nur Frauen — völlig unschuldig war.

Wenn man das Buch liest, ist man von dieser pfäffischen Ausführlichkeit beeindruckt und oft auch erschlagen, mit der die selbst aufgeworfenen Fragen breit erörtert werden. Aber zu allem geschwätzigen Geistreichtum gesellt sich eine kaum zu beschreibene Kälte, die gleichgültig darüber hinwegsieht, dass von der vorgeschlagenen Methodik lebende und fühlende Menschen betroffen sein werden. Diese Kälte erscheint mir als durchgehender, eisblauer Faden in der Geschichte im Wahnsinn der letzten Jahrhunderte, vom Hexenwahn über den Wahnsinn innerchristlicher Kriege über die Wahnsinn einer angeblichen Bedrohung durch das Judentum bis hin zu den heutigen Formen des Wahnsinns, dass der Islam eine besonders mörderische Religion sei und dass Arbeitslosigkeit die individuelle Schuld der Arbeitslosen sei und nicht etwa ihre Ursache in einem übergeordneten gesellschaftlichen Prozess habe. Stets geht dieser Wahnsinn mit einer Kälte in der “Behandlung” dieser Wahnideen einher, die billigend in Kauf nimmt, dass massenhaft und wahllos Menschenleben zerstört und vernichtet werden. Die ideologischen (oder religiösen) Grundlagen, mit denen der jeweilige Wahnsinn begründet wurde, haben sich dabei als sehr wandlungsfähig erwiesen, die entmenschte Kälte hingegen als sehr konstant. Ein wirklicher Wandel muss vor allem diese Kälte beseitigen.

Quelle des Bildes vom Einband ist Wikipedia, dieses Bild ist frei von Rechten. Der Hexenhammer ist auch als Buch verfügbar, und seine Lektüre sei jedem Christen wärmstens ans Herz gelegt, wenn er neben den eher etwas drögen Geschichtchen von der Kanzel auch einmal etwas Geschichtliches über seine Religion lesen möchte. Das wäre übrigens ein wichtiges Gegengewicht zur immer wieder einmal versuchten Geschichtsklitterung von Seiten der Kirchen.

Neu!

Eine Litfaßsäule, die eigentümlich zur Werbung passt. Einfach, sicher, besser. Das ist neu. Und oben sammeln sich Müll und Taubenkot wie in einem großen Aschenbecher.

Wie gut doch manchmal die Werbung mit ihrem Werbeträger zu einer Einheit verschmilzt, so dass auf das Fröhlichste die Wahrheit hergestellt wird. Dieses Foto zeigt eine Litfaßsäule, an der die Reklame für eine Partnervermittlung im Internet mit theatralisch-innig einander zugewandten Grinsgesichtern die Aufmerksamkeit sexuell unbefriedigter Zeitgenossen an sich reißen will. Doch das Oberteil der Säule ist abgenommen, der Werbeträger ist ein nach oben offener Behälter geworden, der in seinem Kopfbereich Taubenkot und spielerisch hereingezielten Müll aufsammelt. Und. Damit auf die Wirklichkeit der Zielgruppe aus der Sicht des Werbers hindeutet.

Gesehen und fotografiert in Linden bei Hannover.

Technikphilosophische Fragmente (3)

Zurzeit drängt es mich, immer wieder einmal ein paar Anmerkungen zur gegenwärtigen Entwicklung der Digital- und Informationstechnik zu schreiben. Dabei geht es mir weniger um den Selbstzweck des faktischen Zuwachses der Performance und des damit verbundenen Zuwachses an Möglichkeiten zur Anwendung, sondern mehr um gewisse Stolpersteine in der Gedankenlosigkeit, mit der diese Möglichkeiten auf “normale Anwender” losgelassen werden.

Die einheitliche Benutzerführung

Als das Zeitalter der Computertechnik begann — es ist ja noch gar nicht so lange her — da musste der Anwender dieser Technik jedes einzelne Programm eigens erlernen. Die gesamte Benutzerführung war inkonsistent; und selbst solche Programme, die in der Frühzeit mit dem Attribut “anwenderfreundlich” vermarktet wurden, waren untereinander nicht konsistent. Ein Kommando, das in einem Programm die bearbeitete Datei speicherte, konnte im schlimmsten Fall in einem anderen Programm die Arbeit ohne Speicherung beenden. Diese Situation hat sich zum Glück geändert, aber momentan werden an ihrer Stelle unnötigerweise neue Probleme geschaffen.

Benutzerführung für Experten

Die Benutzerführungen aus der Anfangszeit spiegelten die Tatsache wider, dass Computer in jenen Zeiten vor allem von Spezialisten verwendet wurden. Oft sogar. Von Experten, die während ihrer Arbeitszeit gar nichts anderes taten und deshalb nur wenig Probleme mit solchen Einschränkungen hatten. Die Inkonsistenz der gesamten Bedienung des Gerätes schaffte auch eine ausreichend hohe Hürde, um sicher zu stellen, dass diese Experten vorerst unter sich blieben.

Für viele wird vielleicht die Unix-Kommandozeile mit den typischen Hilfsprogrammen einer solchen Umgebung der Inbegriff des schwer erlernbaren Systemes für Experten sein. Indess, dieses Problem wurde schon früh erkannt. Es war Brian W. Kerninghan selbst, der in seinem Einführungsbuch “The UNIX Programming Enviroment” aus dem Jahre 1984 die folgende, für Einsteiger etwas entmutigende Anmerkung über die Angabe von Optionen zu Kommandos machte (S. 14):

As you learn more, you will find that there is little regularity or system to optional arguments. Each command has its own idiosyncrasies, and its own choices of what letter means what (often different from the same function in other command). This unpredictable behaviour is disconcerting and is often cited as a major flaw of the system.

Eine ganz schnelle Übel-Setzung von mir: Während sie mehr [über das Unix-System, meine Anmerkung] lernen, werden sie feststellen, dass es nur eine geringe Regelmäßigkeit oder Systematik in den optionalen Argumenten gibt. Jeder einzelne Befehl hat seine eigenen Sonderlichkeiten und seine eigenen Entscheidungen, welchem Buchstaben welche Bedeutung zugeordnet wird (und diese weichen oft von der gleichen Funktion in einem anderen Befehl ab). Dieses nicht vorhersehbare Verhalten ist unverständlich. Es wird häufig als eine große Schwäche des Systemes bezeichnet.

Wer — wie ich — ein modernes Linux auch öfter auf der Ebene der Kommandozeile verwendet, der weiß, dass die Aussage bis heute nicht ihre grundsätzliche Gültigkeit verloren hat. Dennoch bleibt eine solche Umgebung für mich und andere Experten eine unverzichtbare Möglichkeit, gewisse Ziele in der Arbeit mit dem Computer sehr schnell und mit relativ geringem Aufwand zu erreichen. Denn alle diese verschiedenen Programme spielen gut zusammen; in einer unixoiden Shell können aus diesen Programmen Abläufe beachtlicher Komplexität erstellt werden, ohne dass man dabei eine “richtige” Programmiersprache benutzen müsste. In keiner anderen Umgebung wurde jemals wieder etwas erreicht, was für den versierten Nutzer so mächtig ist. Und niemals wieder wurde es so mächtig kryptisch.

Es ist aber klar, dass eine solche Benutzerführung für die Mehrzahl der Menschen, die sich einen Computer dienstbar machen wollen, eher ungeeignet ist. Und tatsächlich verwende selbst ich für viele Tätigkeiten ganz andere Programme; ich lese und schreibe schon lange nicht mehr meine Mail an der Kommandozeile (obwohl ich es in seltenen Fällen immer noch tue, und zwar vor allem dann, wenn ich gerade direkt auf einem Server arbeite). Den größten Teil meiner Tätigkeiten am Computer führe ich innerhalb einer grafischen Benutzeroberfläche aus und ich verwende dabei durchaus typische Anwendungen: Einen Mailclient, einen Browser, einen Editor (allerdings ist mein “Liebling” Emacs eine Krankheit für sich), eine Textverarbeitung (wobei sich wohl viele andere Menschen nicht mit LyX anfreunden könnten) oder ein Programm zur Bildbearbeitung. Mein gesamtes spezielles Wissen zur Kommandozeile nützt mir dabei nichts, da hier ein völlig anderes Konzept der Benutzerführung verfolgt wird. Oder kurz gesagt: Auch ein Experte auf einem gewissen Gebiet tritt dem Computer auf anderen Gebieten als Anwender gegenüber und erwartet selbstverständliche Standards der Bedienbarkeit von allen verwendeten Programmen. Würde mir jemand bei diesen Tätigkeiten zuschauen, so bemerkte er keinen Unterschied zu einem anderen Anwender — ja, vielleicht fände er mich. Sogar in manchen Punkten. Etwas unbeholfen.

Benutzerführung für Anwender

Zum großen Glück für den Rest der Menschheit blieben die Experten nicht unter sich. Die neue Technik wurde preiswert, und im Verlauf dieser Entwicklung fanden sich Anwendungen, in denen sich die neue Technik als nützlich erwies.

Anfangs war Textverarbeitung eine der wichtigsten Anwendungen. Der Vorteil einer Bearbeitung am Bildschirm unter Verwendung von vorgefertigten Textfragmenten und mit der Möglichkeit einer Korrektur gegenüber dem bisher üblichen direkten Tippen auf einer Schreibmaschine war so offensichtlich, dass die meisten “kleinen” Rechner in den frühen 80er Jahren nicht zum Rechnen, sondern als Schreibgeräte angeschafft wurden. Damit ging eine Forderung an die Software einher, sie musste für normale Bürokräfte benutzbar gestaltet werden.

Die aus der Unix-Welt bekannten Lösungen zur Textverarbeitung schieden für ein solches Umfeld aus. Es gab zwar mit troff und den zugehörigen Präprozessoren und Makropaketen eine sehr flexible Lösung, jedoch waren die bei der Texterstellung erforderlichen Arbeitsschritte an die Fähigkeiten von Experten angepasst. Der Text wurde zusammen mit verschiedenen Befehlen zur Textformatierung in einem ganz normalen Texteditor geschrieben, die Umwandlung in eine druckfähige Vorlage erledigte dann eine Kombination verschiedener Programme für die Kommandozeile. (Hinzu kommt noch ein Makropaket, in dem mindestens die Einzelheiten der Seitengestaltung festgelegt werden. Die Anwender dieser Textsysteme mussten — und müssen, denn diese Systeme sind durchaus noch im Einsatz — die Kommandos von drei bis fünf verschiedenen Programmen beherrschen, um mit diesen Paketen arbeiten zu können; darüber hinaus mussten sie die damaligen Editoren beherrschen, die ebenfalls nicht leicht zu bedienen waren.)

Es zeigte sich schnell, dass die meisten Menschen damit überfordert sind, viele Befehle zur Steuerung eines Programmes im Kopf zu behalten. Die erste Idee zur Verbesserung der Situation für Benutzer zeigte das damalige Textprogramm “WordStar”, bei dem jederzeit eine Übersicht der möglichen Befehle zur Textbearbeitung eingeblendet werden konnte. Zudem wurde die Situation des Benutzers durch eine zweite Veränderung verbessert, da die gesamte implementierte Funktionalität innerhalb des Programmes zur Verfügung stand. Dabei konnten zwar keine eigenen Erweiterungen mehr vorgenommen werden, aber die Arbeitsschritte bei der Texterstellung wurden jetzt auch für technische Laien beherrschbar.

Das Menüsystem einer späteren DOS-AnwendungSchon relativ früh wurde diese Verbesserung durch eine Präsentation verfeinert, die alle möglichen Aktionen in Form von Auswahlmenüs zur Verfügung stellte. Alle diese Aktionen konnten auf verschiedene Weise ausgelöst werden: Entweder über das Menü, oder über den Tastaturzugriff auf das Menü oder aber über einen zusätzlichen Tastencode. So wurde trotz der verbesserten Bedienung ein schnelles Arbeiten für erfahrene Benutzer möglich, während der noch unerfahrene Anwender einen leichten Zugang erhielt. Diese Form der Benutzerführung hat sich so bewährt, dass sie bis heute als Standard für jedes ernst zu nehmende Programm anzutreffen ist.

Ein Problem blieb jedoch vorerst bestehen. Jedes Programm ging seine eigenen Wege in der Benutzerführung, und dies galt keineswegs nur für Programme im Textmodus. Selbst innerhalb grafischer Oberflächen musste in der Regel jedes Programm eigens erlernt werden.

Die Vereinheitlichung und der Style Guide

Hier bietet sich mir eine der seltenen Gelegenheiten, einmal etwas Gutes über Apple und Microsoft sagen zu können, und ich werde mir diese Gelegenheit keineswegs entgehen lassen. Denn in beiden Firmen sah man sehr früh (in der Zeit zwischen 1985 und 1988) ein, dass dem Anwender mit einer alles integrierenden grafischen Oberfläche allein noch nicht gedient ist, wenn er dennoch weiterhin jedes Programm einzeln erlernen muss. Und deshalb wurde sowohl für das damalige MacOS als auch für das damalige Windows ein “Style Guide” verfasst; eine Reihe von Vorgaben, die jedes Programm nach Möglichkeit einhalten sollte. Hierzu gehörten Festlegungen über die Anordnung und den Inhalt der Menüs, über Tastenkommandos, über die Gestaltung und Beschriftung von Schaltflächen und vergleichbares. Die zum System mitgelieferten Programme hielten diese Vorgaben natürlich ein und waren damit gutes Anschauungsmaterial und gutes Vorbild zugleich.

Da sich auch die meisten anderen Programme an diese Vorgaben hielten, musste der Anwender viele Dinge nur noch einmal lernen.

Ein Anwender weiß, dass er in fast allen Programmen unter MS Windows einen markierten Textbereich mit Strg-C in die Zwischenablage kopieren kann, um ihn mit Strg-V in ein anderes Programm einzufügen. Doch selbst, wenn ein Windows-Nutzer jetzt von diesen Tastenkommandos zum ersten Mal gehört hätte, profitierte er von der Vereinheitlichung, denn diese Möglichkeiten werden auch grafisch in einheitlicher Weise dargeboten:

Menü und Toolbar einer Microsoft-Anwendung (WordPad)

Das Menü, dass solche Operationen mit der Zwischenablage ermöglicht, heißt immer “Bearbeiten” und steht immer an zweiter Stelle. Wenn die Anwendung eine Werkzeugleiste hat, denn stellt dieses Element nicht zusätzliche Möglichkeiten zur Verfügung, sondern Abkürzungen für häufige Menübefehle. Auch hierbei legt der Style Guide eine Reihenfolge und verbindliche Grafiken für die Präsentation fest. An erster Stelle stehen Dateioperationen, gefolgt von Druckoperationen, gefolgt von Such- und Recherchemöglichkeiten, gefolgt von Möglichkeiten des Arbeitens mit der Zwischenablage. Letztere sind immer als eine Schere für Ausschneiden, zwei Blätter für Kopieren, ein Blatt auf dem Klemmbrett für Einfügen und ein nach links gewandter Pfeil zum Zurücknehmen des letzten Arbeitsschrittes. (Wegen dieser Einheitlichkeit im geforderten Stil kann man sogar häufig ein wenig mit einer Anwendung arbeiten, die nur in einer Sprache vorliegt, die man selbst gar nicht versteht.)

Es handelt sich hier nicht um eine Eigenschaft von MS Windows (auf dem Macintosh sind die Konventionen übrigens sehr ähnlich, aber im Detail etwas abweichend), sondern “nur” um eine sinnvolle Konvention, die von allen Programmierern eingehalten wird. Wenn Programme davon abweichen, kann das für den Benutzer sehr überraschend sein — man stelle sich nur einmal ein Windows-Programm vor, dass mit Strg-V ohne vorherige Abfrage unter Datenverlust beendet wird oder das ein Scheren-Symbol verwendet, um seinen Anzeigebereich in zwei Hälften zu teilen! Jeder Mensch würde das unverständlich finden, und die Programmierer dieser Oberfläche wären. Gewiss. Häufig verfluchte Zeitgenossen.

Dieser Style Guide ist einmal aus Anwendersicht der wesentliche Vorteil eines Windows-PC oder eines Macintosh gegenüber jenen Systemen gewesen, die solche Konventionen nicht kannten. Alle Anwendungen wirkten, als seien sie aus “einem Guss”. Das war übrigens der Hauptgrund dafür, dass sich damals auch technisch überlegene Systeme nicht durchsetzen konnten, da dort die Anwendungen keine derartige Einheitlichkeit in der Bedienung aufwiesen. Wenn ein unixoides System über eine grafische Oberfläche verfügte, kam in der Regel jedes Programm mit seinem eigenen Design grafischer Elemente wie Schaltflächen und Menüs daher, und jedes musste auf eine eigene Weise bedient werden. Der Grund. Für den Siegeszug von Windows war seine Einheitlichkeit aus Anwendersicht.

Das ist Vergangenheit

Ich habe das in der Vergangenheitsform geschrieben, denn es war einmal. Seit dem Jahr 1995 kehrt sich die Situation um, und ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht abzusehen.

Inzwischen sieht es so aus, dass es auch auf einem unixoiden System wie Linux durch die beiden Desktop-Projekte zu einer großen Einheitlichkeit der Benutzerführung gekommen ist. Diese lehnt sich übrigens weitgehend an jene Konzepte an, die man heute dank der frühen Bemühungen von Apple und Microsoft als Standard empfindet. Bis hin. Zu solchen kleinen Absurditäten, dass man in einer Anwendung immer noch auf das Symbol einer Diskette klickt, um etwas zu speichern, während inzwischen längst das Zeitalter dieses Datenträgers vorüber ist. Die konventionell gewordenen Symbole haben jetzt vielfach ihre konkrete Bedeutung verloren und sind aus sich selbst heraus gar nicht mehr verständlich, sondern zu einer abstrakten Kunstsprache geworden, die den technischen Stand der 90er Jahre widerspiegelt. Vermutlich wird man auch noch in 30 Jahren zum Speichern auf Disketten klicken, obwohl dann nur noch ältere Menschen wissen, was einmal das reale Vorbild für dieses Piktogramm war.

Während sich also typische Desktop-Anwendungen unter Linux inzwischen konsistent bedienen, wird bei den kommerziellen Systemen der Vorteil der einheitlichen Benutzerführung immer mehr aufgegeben.

Im Sommer des Jahres 1995 hat Microsoft aus der Sicht der Benutzerführung vermutlich das beste System seiner bisher ganzen Geschichte herausgegeben: Windows 95. Alle Konzepte waren klar und auf einem Blick erkennbar. Es gab Menüs, es gab Werkzeugleisten, die Abkürzungen für häufige Menübefehle zur Verfügung stellten, es gab ein Startmenü, um die Anwendungen zu starten. Schaltflächen hatten einen hevorstehenden, dreidimensionalen Rahmen und waren sofort als solche zu erkennen, es gab keine grafischen Zierelemente in den Anwendungen, die den Benutzer verwirren konnten. Ich habe immer wieder erlebt, dass Anfänger sofort mit diesem System klarkamen, nachdem man ihnen in lockeren zehn Minuten ein paar Grundlagen erklärt hat. (Über die technischen Unvollkommenheiten dieses Systemes werde ich an dieser Stelle allerdings schweigen. Diese. Waren. Schrecklich.)

Beginnend mit diesem Tag ging es bergab. Mit der einheitlichen Benutzerführung. Unter Windows.

Ein kleiner Rückblick: Der Browserkrieg

Was damals begann, ist vielleicht einigen Menschen noch als der “Browser-Krieg” im Gedächtnis. Es war der Siegeszug des Internet und die damals damit verbundene, etwas verrückte Vorstellung, dass das im Browser präsentierte Internet als Plattform für Anwendungen dienen könnte, dass also die bisherigen Betriebssysteme in einem gewissen Maß entbehrlich werden könnten. Bei Microsoft hatte man das Internet bis dahin völlig “verschlafen”, doch nun trat eine gewisse Panik auf, da das Produkt “Windows” mit allen daran hängenden Software-Produkten im Zuge einer solchen Entwicklung unwichtig werden könnte.

Als erste Tat Microsoft kam es zu einer gezielten und vorsätzlichen “Verseuchung” von Internet-Standards. (Das Web brauchte Jahre, um den ganzen damit verbundenen Unfug abzuschütteln.) Mit Hochdruck wurde bei Microsoft ein Browser aufgekauft und weiterentwickelt, der in Zukunft vor allem drei Eigenschaften haben musste: Er musste besser sein als Netscape (das war wirklich leicht), er musste für seine Anwender eine Bindung zum Betriebssystem Windows herstellen und er musste gezielte Inkompatibilitäten enthalten, die eine Bindung möglichst vieler Benutzer an den neuen Browser und damit an MS Windows erzwangen. Das absurde Theater ging so weit, dass eine Zeitlang zwischen den beiden Browsern durch eine vorsätzliche Technikverhinderung von Seiten Microsofts nicht einmal die Zwischenablage funktionierte — so sehr war man dort an der Sabotage des Konkurrenten interessiert. Heute hängt dem Internet-Explorer dieser Teil seiner Vergangenheit wie ein Klotz am Bein, denn einige der damals getroffenen Entscheidungen müssen weiterhin aufrecht erhalten werden, da in heutigen Intranets immer noch viel Software verwendet wird, die gewisse Eigenwilligkeiten des IE voraussetzt. Und. Unterdessen gibt es freie Browser, die wesentlich besser sind.

Auch eine weitere Entscheidung der damaligen Zeit wirkt bis heute nach, und diese ist vielleicht sogar noch schlimmer.

Um nach Möglichkeit allen Windows-Nutzern den eigenen Browser aufzuzwingen, ging Microsoft nämlich einen in seiner kriminellen Dreistheit sehr “kreativen” Weg. Bislang wurde ja stets eine Trennung zwischen dem Betriebssystem und den Anwendungen gemacht, die auch recht sinnvoll ist. Diese Trennung. Galt selbst für die zum System mitgelieferte Software. Und tatsächlich: Niemand würde erwarten, dass eine Windows-Installation nach dem Löschen der Datei notepad.exe aus dem Systemordner nicht mehr funktionieren würde. (Auf Windows-Rechnern ersetze ich dieses unsägliche “Not-Päd” wann immer möglich durch einen anderen Editor, den ich einfach über die Datei kopiere.) Aber ausgerechnet für den eigenen Webbrowser behauptete Microsoft einfach, dass es sich hierbei um eine Komponente des Betriebssystemes handele — und damit man so einen Strunz auch wirksam behaupten kann, muss diese “Komponente” denn auch überall im System verwendet werden. Mit diesen Trick konnte mit den weiteren Windows-Versionen ein Microsoft-Browser ausgeliefert werden, dessen Deinstallation künstlich unmöglich gemacht wurde. (Ich habe diese angebliche “Komponente” von Windows auch schon einmal unter Linux mit WINE zum Laufen gebracht, also ohne die Spur eines echten Windows-Systemes. Es scheint sich wohl doch in Wirklichkeit um eine Anwendung zu handeln.)

Webgestaltung als Vorbild für die Benutzerführung

Zwei Dinge kann man über Websites sagen: Erstens sind sie in der Regel so gestaltet, dass sie in einem gewissen Maß unverwechselbar sind. Und. Zweitens sind sie kein Vorbild der guten Benutzerführung, sondern in der Regel von anderen Sites, auch von solchen mit ähnlicher Funktion und ähnlichen Inhalten, deutlich unterschieden und dabei oft sogar noch in sich selbst inkonsistent. (Das gilt übrigens auch für dieses Blog, dessen verschiedene Navigationsinstrumente durchaus verwirren können.)

Das ist kein gutes Beispiel für eine Oberfläche, mit der Menschen zielstrebig arbeiten sollen. Dennoch hat man in den folgenden Jahren bei Microsoft immer mehr versucht, Windows und dafür erstellte Anwendungen im Stile einer Website zu gestalten.

Mit der Installation des Internet Explorer 3 oder eines Windows 98 wurde zunächst der Dateimanager gegen eine Instanz des Browsers ausgetauscht, um die Dateiverwaltung in einer web-ähnlichen Präsentation zu ermöglichen. (Das sollte sich einmal jeder Leser in Ruhe vorstellen, der es jetzt zum ersten Male mitbekommt: Eine voll aufgeplusterte Internet-Software für eine so banale Aufgabe wie das Organisieren von Dateien auf der lokalen Festplatte! Das ist in seiner Unsinnigkeit etwa so, als würde man den Taschenrechner des Systems mit einem im Hintergrund rechnenden Excel verwirklichen.) Diese Idee wird bis heute aufrecht erhalten und noch weiter ausgebaut, obwohl ich immer wieder erleben darf, dass Anwender das eher unübersichtlich und verwirrend finden. Als kleine Krönung dieses Unfugs wurde dem als Dateimanager verwendeten Browser ein “Throbber” gegeben, eine Grafik in der rechten oberen Ecke, die animiert wird, während das Fenster arbeitet. Dieses Element ist bei einem Webbrowser durchaus sinnvoll, um auch bei längeren Datenübertragungen die Tatsache zu verbildlichen, dass der Browser noch nicht abgestürzt ist. In einem Dateimanager lässt es nur sehr unvorteilhafte Schlüsse über die Stabilität dieses doch recht wichtigen Systemprogrammes zu… :mrgreen:

Mit der Installation eines Internet Explorer 4 wird der Desktop von einer Instanz des Browsers gezeichnet. Zum Glück hat sich die damalige Idee Microsofts, auf Grundlage dieser “Technik” Reklame auf dem Desktop einzublenden, nicht durchgesetzt — dafür war die Welt noch nicht reif. Aber diese Möglichkeit gehört weiterhin zu Windows, und vielleicht kommt es demnächst einmal zu einem zweiten Versuch bei einer inzwischen deutlich übler verdummten Anwenderschaft.

Im Laufe der Zeit wurden immer mehr interaktive Elemente, die man sonst eher auf Websites verortete, zum Bestandteil der Benutzerführung gemacht. Begonnen hat es damit, dass Schaltflächen in Werkzeugleisten nicht mehr mit einem dreidimensionalen Rahmen gezeichnet wurden und damit so gestaltet wurden, wie dies damals in grafischen Navigationen von Websites häufig üblich war. Erst beim Überstreichen mit dem Mauszeiger wird die Grafik ausgetauscht und zeigt auch optisch die Bedeutung des Elementes an. Leider ist dieser Unfug inzwischen allgemein üblich.

Plötzlich tauchten sogar in vielen Dialogfenstern an Stelle von Schaltflächen blaue Texte auf, die beim Überstreichen mit der Maus unterstrichen wurden. So. Dass die ganze Oberfläche fast so inkonsistent und unübersichtlich wie eine Website wurde.

Mit dieser “Verwebbung” der Anwendungsebene ging die Idee einher, dass Anwendungen ähnlich wie Websites speziell gestaltet werden könnten. Begonnen wurde dies von Seiten Microsofts keineswegs mit einem Spielzeug, sondern mit dem eigenen Office-Paket, dessen grafische Oberfläche in Office 97 völlig an den eingebauten Möglichkeiten des Systems und an den eigenen Stilvorgaben vorbei programmiert wurde, und zwar keineswegs zum Vorteil für die Übersicht des Anwenders. Das nächste Opfer war etwas weniger wichtig, es war der Media Player, der heute kaum noch wie eine Anwendung aussieht — und einen Menschen bei der ersten Begegnung kräftig verwirren kann. Inzwischen gibt es eine Menge von Anwendungen, deren grafische Gestaltung sich völlig von den Vorgaben und Möglichkeiten des verwendeten Betriebssystemes “emanzipiert” hat, hier muss der Benutzer wieder jede Anwendung einzeln lernen. Aber die Vorlage für solches Streben nach “coolem Look” hat Microsoft selbst gegeben.

Mit Windows XP entstand eine grafische Oberfläche, die eine kunterbunte Mischung aus gestalterischen Elementen typischer Websites zusammen mit Elementen klasssicher Oberflächen wurde. In sich inkonsistent und für einen Neuling teilweise gar nicht mehr durchschaubar. Selbst das Starten eines Programmes über das Startmenü kann ein bisschen herausfordernd werden, obwohl das so riesig geworden ist…

Doch auch bei Apple schlief man nicht, denn dort wurde ebenfalls an der grafischen Gestaltung “gebastelt”. Wer das noch sehr durchschaubare und auf seine krude Art elegante MacOS 9 gewohnt ist, der wird die Benutzerführung in MacOS X hassen. Um den Menschen aber dennoch etwas zu verkaufen, was wie ein Computerbildschirm auf LSD aussieht, wurde ihnen jede Menge Zucker in die Augen gestreut. Klar, dass da auch Microsoft nicht zurückstehen mag, vieles an Windows Vista ist eine Nachbildung dessen, was MacOS X grafisch auszeichnet.

Die Einheitlichkeit der Benutzerführung ist auf beiden Systemen dahin, sie findet sich nur noch in ein paar Nischen (vor allem in älteren Programmen) und ist eher eine Erinnerung an frühere Zeiten.

Die bessere Benutzerführung

Die marktbeherrschenden Betriebssysteme haben einen großen Vorteil ohne besondere Not aufgegeben, nur, um eine “coolere” Präsentation des Systemes realisieren zu können. Das ist dumm. Unterdessen sind freie Alternativen für den Desktop entstanden, die jetzt eine konsistente und einheitliche Benutzerführung verwirklichen, die jedem “normalen” Anwender entgegenkommt. Die Dummheit könnte also schnell von Kunden abgestraft werden. Sie wird es allerdings noch nicht.

Ich habe mehrfach erlebt, dass ich normale Anwender vor einem GNOME-Desktop an einem Linux-Rechner gesetzt habe, die nur etwas wie “So einfach ist das? Das ist ja leichter als mein XP” sagten — und den ganzen optischen Schnickeldöns hat dabei niemand vermisst. Aber das waren alles Menschen, die am Rechner ein Ziel verfolgten, die etwas Bestimmtes mit der Maschine erreichen wollten. (Und nein, sie wollten nicht programmieren.) Für solche Menschen gibt es unter Linux heute eine bessere Benutzerführung als unter den kommerziellen und unfreien Konkurrenzsystemen.

Dass diese sich dennoch halten können, scheint vor allem drei Gründe zu haben.

Erstens laufen im betrieblichen Umfeld noch immer jede Menge Anwendungen, die Windows vorausetzen. Dies macht einen Umstieg auf ein anderes System schwierig und möglicherweise sehr teuer, so dass man besser bei Windows bleibt.

Zweitens scheinen zu viele Menschen gar nichts anderes als das Windows zu kennen, das sie heute überall im betrieblichen Umfeld zu sehen bekommen. Deshalb kommen sie auch nicht auf die Idee, einmal ein anderes, möglicherweise für ihre Ansprüche besseres System zu probieren.

Und Drittens. Scheint es immer mehr Menschen zu geben, die persönlich mit ihrem Computer gar kein Ziel mehr verfolgen, sondern darin nur noch eine multimediale Bespaßungsmaschine und einen unermüdlichen Partner für Spiele und Wanderungen durch virtuelle Welten sehen. Da reicht es natürlich, wenn man die gängigen Medienplayer bedienen kann und einen schönen breiten Bildschirm hat — das verwendete System muss gar nicht mehr alle Möglichkeiten des Computers zur Verfügung stellen. Und wenn man die Geräuschuntermalung schön laut stellt, nervt auch der zusätzliche Kühler auf der Grafikkarte nicht.

Aber das Letztere ist natürlich nur eine Vermutung.

Sicher ist nur, dass die Verschlechterung der Benutzerführung weiter gehen wird, der Trend scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Zum Teil ist übrigens auch Linux von diesem Trend erfasst, aber dort. Ist alles. Bei weitem nicht so schlimm. Wer sich anschaut, dass ich zum Einsteig dieses Textes gerade unixoide Systeme als Musterbeispiel schlechter Benutzerführung aufgeführt habe, sieht das Absurde dieser Entwicklung.

Wer seinen Computer wieder zurückbekommen möchte, sollte ruhig einen längeren Blick auf Linux risikieren. Es kostet nichts.

Um entsprechenden Kommentaren vorab die Luft zu nehmen: Ich habe keine eigene Erfahrung mit den diversen Geschmacksrichtungen von BSD, deshalb kann ich dafür keine Empfehlung aussprechen. Ich weiß allerdings, dass jeder Mensch mit fortgeschrittenen Anwenderkenntnissen eine heutige Linux-Distribution sicher zum Laufen bekommt und nach der Installation eine Umgebung vorfindet, mit der er produktiv arbeiten kann.

Richtung und Garheit (9)

Sozialer Tod — Vor dem körperlichen Sterben ist der soziale Tod gesetzt, der aus der allgemeinen Todesverdrängung entsteht. Der Sterbende gerät in einen Zustand, der ihn aus allem Miteinander herauszieht, muss sich schon als Lebender in gewisser Weise als tot erleben. Ein so genanntes “Altersheim” ist eine trübe Kultstätte für diesen zombiehaften Zustand; die dorthin Abgeschobenen werden mit medikamentösen Drogen ruhig gestellt und mit drögen Aktionen bespaßt, damit sie auch ja nichts von ihrem Zustand spüren sollen. Doch auch jenseits dieser Mauern, aus denen Menschen im Regelfall nur in einer Holzkiste wieder ausziehen, ist der soziale Tod allgegenwärtig. Für einige Menschen — und es scheinen immer mehr zu werden — ist er das ganze Leben.

Selbstmord — Sie fragte mich, warum es trotz trüber Zustände immer noch so wenig Selbstmorde gäbe. Und ich gab ihr nur zu bedenken, wann denn überhaupt ein Selbstmord als solcher gezählt würde. Wer sich nicht gerade aufhängt und wer keinen Abschiedsbrief schreibt, sondern sich einfach nur in der Medikation vertut oder auf gerader Strecke gegen einen Baum fährt, fällt in der Statistik unter die Unfallopfer. Angesichts der Tatsache, dass sich auch Menschen mit Familie zum Freitod entschließen und angesichts der Tatsache, dass eine so genannte “Lebensversicherung” beim Suizid nichts zahlt, dürfte sich so mancher rätselvolle Unfall erklären.

Todesspiegel — Die krankhafte Magersucht, unter der vor allem Frauen, aber in letzter Zeit auch immer häufiger junge Männer leiden, sie ist das beste Beispiel dafür, dass auch im so genannten “Wohlstand” der Hungertod möglich ist, wenn die Seele der Menschen verarmt. Die photoshop-retuschierten Klischees der allgegenwärtigen Reklame werden als Vorlage für das eigene Leben genommen, da ein wirkliches und wirkendes menschliches Miteinander nicht vorhanden ist. Die Körper der betroffenen Menschen sind ein Zerrspiegel. In ihnen spiegelt sich der Tod, wie er jung, sportlich und bunt von den Plakatwänden herunterlächelt.

Das Urteil der Toten — Wenn die Toten noch ein Bewusstsein hätten und sich ein Urteil über die Lebenden bilden könnten, so kämen sie wohl zu dem Schluss, dass das Leben an den Lebenden verschwendet ist.

Vom »Lesen« der Bildzeitung

Sie sagte, dass bei der Bildzeitung das Wort “Lesen” doch sehr unpassend sei. Denn wenn einem jemand in die Fresse schlüge, würde man das doch auch nicht als “Händeschütteln” bezeichnen.

Fröhlicher Gruß an M.

Die Wahrnehmung eines Menschen ist die Summe aus zwei unbewussten Prozessen, die in ihm ablaufen.

Der eine Prozess ist biologisch-physikalischer Natur. Die verschiedenen, für die Rezeption von Außenreizen zuständigen Organe nehmen Reize aus der Außenwelt auf und verwandeln diese in elektrochemische Erregungen des Nervensystems.

Der andere Prozess ist mentaler Natur, also reduktionistisch betrachtet ebenso biologisch und physikalisch. Die Erregungen erfahren eine vorbewusste Bewertung, die darüber entscheidet, ob die Wahrnehmung bewusstseinsfähig gemacht wird. Die meisten Wahrnehmungen verbleiben unbewusst, zum Beispiel nimmt kein Mensch die permanenten Hautreizungen durch die getragene Wäsche wahr, wenn er darauf nicht besonders achtet oder wenn diese wegen minderwertigen Materiales nicht besonders lästig sind.

Beide Prozesse laufen unterhalb der Schwelle zur Bewusstheit ab. Dem Bewusstsein erscheint keine Erscheinung als wahrnehmbar. Beide Prozesse sind eine Filterung der Realität, die durch Wahrnehmung niemals erfasst werden kann. Dieser doppelte Filter ist nützlich, da er einen Menschen überhaupt erst dazu fähig macht, vernünftig zu handeln — wer sich stets bewusst mit der Flut von Sinnesreizungen auseinander setzen müsste, hätte keine mentale Kapazität mehr für einen Gedanken übrig.

Es ist jedoch ein Trugschluss, dass unbewusste Wahrnehmungen keine Wirkung auf einen Menschen hätten. Diesem Trugschluss kann nur erliegen, wer eine zu hohe Meinung von den Leistungen seinen Bewusstseins hat. Sie führen “nur” zu unbewussten Handlungen, die man am zutreffendsten als “Reaktionen” oder als “Verhalten” bezeichnet. Tatsächlich “lebt” eine ganze Industrie davon, dass Menschen bewusste Entscheidungen durch Verhalten auf der Grundlage unbewusster Wahrnehmungen ersetzen, dies ist die Werbeindustrie. Sie verdient erstaunlich gut daran und schreibt große Rechnungen für ihre Tätigkeiten; es ist nicht anzunehmen, dass jemand diese Rechnungen bezahlen würde, wären die Erfolge dieses Bemühens nicht entsprechend.

Ein Teil dieser Filterung schließt jene Erscheinungen aus, die von relativer rezeptierter Konstanz sind. Ein monotones Geräusch zum Beispiel, so etwas wie das Ticken einer Uhr oder das Rauschen des Rechnerlüfters, kann völlig “ausgeblendet” werden, es führt zu keiner bewussten Wahrnehmung mehr. Ebenso gelingt es den meisten Menschen viel zu gut, den röhrenden, aber konstanten Lärm einer modernen Großstadt völlig auszublenden, so dass er nicht bewusst wahrgenommen wird — dennoch ist er wirksam, sowohl körperlich als auch sozial als auch psychisch.

Was in das Bewusstsein dringt und dort zum Auslöser bewusster Affekte und mentaler Aktivitäten wird, das ist Veränderung. Dieser Zug der Wahrnehmung ist ein konservativer, er geht noch auf jene Zeiten zurück, in denen sich unsere behaarten Vorfahren von Ast zu Ast schwangen; unter diesen Umständen konnte jede bewegliche Einheit der Umwelt eine möglicherweise tödliche Gefahr bedeuten und war mit Angst besetzt. Kein Wunder, dass im Prozess der Evolution die meisten “räuberischen” Arten eine Gestalt annahmen, die sie für ihr Futter “unsichtbar” macht. (Bei einigen Arten führt der gleiche Prozess aber auch zur Erhöhung der eigenen Geschwindigkeit, um sein Futter erjagen zu können.)

Dieser Ursprung des konservativen Zuges der Wahrnehmung erklärt, warum bei vielen Menschen Veränderungen mit Angst besetzt sind. Dies gilt aber nicht, wenn Veränderungen so langsam erfolgen, dass sie beinahe unmerklich ablaufen — nicht einmal dann, wenn diese Veränderungen eine wirkliche Gefahr sind. Dort, wo man mit großem Eifer daran sitzt, die Gesellschaft in Deutschland umzubauen und das ganze Land mitsamt allen Menschen darin an die Meistbietenden zu verhökern, weiß man das und hat ein eher geringes Tempo im Umbau, wobei man sich bemüht, diesen Umbau als eine Angstabwehr zu tarnen und damit psychisch kommensurabel zu machen.

Hätte man vor einigen Jahrzehnten einem gewöhnlichen Zeitgenossen etwas von den heutigen Allheits- und Überwachungsansprüchen des Staates erzählt, so hätten gewiss die meisten gesagt, dass sie es so weit niemals kommen lassen würden. Hätte man ihnen erzählt, dass quasipolizeiliche Befugnisse an geldmächtige Körperschaften vergeben werden, so hätten die meisten Menschen gewiss gesagt, dass das angesichts des zudem bestehenden Ausmaßes an Überwachung eine große Gefahr und eine ganz schlechte Idee sei. Ja, sogar einige Politiker hätten das gesagt.

Aber wenn man einen solchen Rückbau schleichend durchführt, fällt er den meisten Menschen nicht weiter auf. Und ansonsten “war es ja schon immer so”.

Im Spiegel der Spam

Jede menschliche Hervorbringung des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses spiegelt ein Stück vom Wesen dieses Prozesses und wird damit zum Zeugen der Tatsache, was dieser Prozess aus den Menschen macht. Dort, wo die Grauzonen der Legalität liegen, wird dieser Spiegel zu einem Zerrspiegel, der aber auch vieles vergrößert und somit deutlicher macht.

Wenn man seine täglich ankommende Spam überfliegt, finden sich im darin Angebotenen deutliche Schwerpunkte. Diese Schwerpunkte in den Angeboten werden von den Kriminellen gesetzt, um die möglichen Opfer der Betrügereien bei den konkreten Mängeln in ihrem Leben abzuholen. Der jedem Mailteilnehmer vertraute Vorschussbetrug, der seinen Opfern monströse Geldbeträge verspricht, appelliert an jene maßlose Gier, die als “Markt” verklausuliert allen Bereichen des Miteinanders als Grundlage dienen soll. Die dubiosen Gewinnspiele, in denen leichtgläubigen Opfern Geld- und Sachgewinne zugesprochen werden, reflektieren die allgemeine materielle Verarmung. Die Angebote diverser Mittel zur Herstellung und Erhöhung sexueller Leistungsfähigkeit zeigen auf, dass unter dem allgemeinen Leistungsdruck aus dem einstmals entspannenden Orgasmus längst ein Orgasmüssen geworden ist. Die anderen Medikamente, vorwiegend Schmerzmittel und Psychopharmaka, die in diesen illegalen Spams angeboten werden, verweisen darauf, dass unter den herrschenden Bedingungen viele Menschen schon an Leib und Seele krank geworden sind.

Die allgemeine Dummheit des Vorgehens der Spammer in allen diesen Bereichen zeigt hingegen klar, dass die Intelligenzleistungen vieler Menschen bereits im Schwinden begriffen sind; dass die einstmals als evolutionärer Vorteil des “nackten Affen” dienende Verstandesmöglichkeit eine unter den gegenwärtigen Bedingungen schon in der Rückbildung begriffene Funktion ist.

Wer mit diesem geschärften Blick in die gewöhnliche, überall gegenwärtige und legale Werbung schaut, findet dort die gleichen Muster. Und. Denselben. Spiegel.

Die unreflektierten, irrigen Annahmen eines einzelnen Menschen nennt man gemeinhin “Vorurteile”. Aber wenn diese Annahmen verbreitet genug sind, denn spricht man von der “öffentlichen Meinung” oder vom “gesunden Menschenverstand” und tut so, als könne damit irgendetwas Verbindliches für das Leben der Menschen begründet werden.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 698 Followern an