Zurzeit drängt es mich, immer wieder einmal ein paar Anmerkungen zur gegenwärtigen Entwicklung der Digital- und Informationstechnik zu schreiben. Dabei geht es mir weniger um den Selbstzweck des faktischen Zuwachses der Performance und des damit verbundenen Zuwachses an Möglichkeiten zur Anwendung, sondern mehr um gewisse Stolpersteine in der Gedankenlosigkeit, mit der diese Möglichkeiten auf “normale Anwender” losgelassen werden.
Die einheitliche Benutzerführung
Als das Zeitalter der Computertechnik begann — es ist ja noch gar nicht so lange her — da musste der Anwender dieser Technik jedes einzelne Programm eigens erlernen. Die gesamte Benutzerführung war inkonsistent; und selbst solche Programme, die in der Frühzeit mit dem Attribut “anwenderfreundlich” vermarktet wurden, waren untereinander nicht konsistent. Ein Kommando, das in einem Programm die bearbeitete Datei speicherte, konnte im schlimmsten Fall in einem anderen Programm die Arbeit ohne Speicherung beenden. Diese Situation hat sich zum Glück geändert, aber momentan werden an ihrer Stelle unnötigerweise neue Probleme geschaffen.
Benutzerführung für Experten
Die Benutzerführungen aus der Anfangszeit spiegelten die Tatsache wider, dass Computer in jenen Zeiten vor allem von Spezialisten verwendet wurden. Oft sogar. Von Experten, die während ihrer Arbeitszeit gar nichts anderes taten und deshalb nur wenig Probleme mit solchen Einschränkungen hatten. Die Inkonsistenz der gesamten Bedienung des Gerätes schaffte auch eine ausreichend hohe Hürde, um sicher zu stellen, dass diese Experten vorerst unter sich blieben.
Für viele wird vielleicht die Unix-Kommandozeile mit den typischen Hilfsprogrammen einer solchen Umgebung der Inbegriff des schwer erlernbaren Systemes für Experten sein. Indess, dieses Problem wurde schon früh erkannt. Es war Brian W. Kerninghan selbst, der in seinem Einführungsbuch “The UNIX Programming Enviroment” aus dem Jahre 1984 die folgende, für Einsteiger etwas entmutigende Anmerkung über die Angabe von Optionen zu Kommandos machte (S. 14):
As you learn more, you will find that there is little regularity or system to optional arguments. Each command has its own idiosyncrasies, and its own choices of what letter means what (often different from the same function in other command). This unpredictable behaviour is disconcerting and is often cited as a major flaw of the system.
Eine ganz schnelle Übel-Setzung von mir: Während sie mehr [über das Unix-System, meine Anmerkung] lernen, werden sie feststellen, dass es nur eine geringe Regelmäßigkeit oder Systematik in den optionalen Argumenten gibt. Jeder einzelne Befehl hat seine eigenen Sonderlichkeiten und seine eigenen Entscheidungen, welchem Buchstaben welche Bedeutung zugeordnet wird (und diese weichen oft von der gleichen Funktion in einem anderen Befehl ab). Dieses nicht vorhersehbare Verhalten ist unverständlich. Es wird häufig als eine große Schwäche des Systemes bezeichnet.
Wer — wie ich — ein modernes Linux auch öfter auf der Ebene der Kommandozeile verwendet, der weiß, dass die Aussage bis heute nicht ihre grundsätzliche Gültigkeit verloren hat. Dennoch bleibt eine solche Umgebung für mich und andere Experten eine unverzichtbare Möglichkeit, gewisse Ziele in der Arbeit mit dem Computer sehr schnell und mit relativ geringem Aufwand zu erreichen. Denn alle diese verschiedenen Programme spielen gut zusammen; in einer unixoiden Shell können aus diesen Programmen Abläufe beachtlicher Komplexität erstellt werden, ohne dass man dabei eine “richtige” Programmiersprache benutzen müsste. In keiner anderen Umgebung wurde jemals wieder etwas erreicht, was für den versierten Nutzer so mächtig ist. Und niemals wieder wurde es so mächtig kryptisch.
Es ist aber klar, dass eine solche Benutzerführung für die Mehrzahl der Menschen, die sich einen Computer dienstbar machen wollen, eher ungeeignet ist. Und tatsächlich verwende selbst ich für viele Tätigkeiten ganz andere Programme; ich lese und schreibe schon lange nicht mehr meine Mail an der Kommandozeile (obwohl ich es in seltenen Fällen immer noch tue, und zwar vor allem dann, wenn ich gerade direkt auf einem Server arbeite). Den größten Teil meiner Tätigkeiten am Computer führe ich innerhalb einer grafischen Benutzeroberfläche aus und ich verwende dabei durchaus typische Anwendungen: Einen Mailclient, einen Browser, einen Editor (allerdings ist mein “Liebling” Emacs eine Krankheit für sich), eine Textverarbeitung (wobei sich wohl viele andere Menschen nicht mit LyX anfreunden könnten) oder ein Programm zur Bildbearbeitung. Mein gesamtes spezielles Wissen zur Kommandozeile nützt mir dabei nichts, da hier ein völlig anderes Konzept der Benutzerführung verfolgt wird. Oder kurz gesagt: Auch ein Experte auf einem gewissen Gebiet tritt dem Computer auf anderen Gebieten als Anwender gegenüber und erwartet selbstverständliche Standards der Bedienbarkeit von allen verwendeten Programmen. Würde mir jemand bei diesen Tätigkeiten zuschauen, so bemerkte er keinen Unterschied zu einem anderen Anwender — ja, vielleicht fände er mich. Sogar in manchen Punkten. Etwas unbeholfen.
Benutzerführung für Anwender
Zum großen Glück für den Rest der Menschheit blieben die Experten nicht unter sich. Die neue Technik wurde preiswert, und im Verlauf dieser Entwicklung fanden sich Anwendungen, in denen sich die neue Technik als nützlich erwies.
Anfangs war Textverarbeitung eine der wichtigsten Anwendungen. Der Vorteil einer Bearbeitung am Bildschirm unter Verwendung von vorgefertigten Textfragmenten und mit der Möglichkeit einer Korrektur gegenüber dem bisher üblichen direkten Tippen auf einer Schreibmaschine war so offensichtlich, dass die meisten “kleinen” Rechner in den frühen 80er Jahren nicht zum Rechnen, sondern als Schreibgeräte angeschafft wurden. Damit ging eine Forderung an die Software einher, sie musste für normale Bürokräfte benutzbar gestaltet werden.
Die aus der Unix-Welt bekannten Lösungen zur Textverarbeitung schieden für ein solches Umfeld aus. Es gab zwar mit troff und den zugehörigen Präprozessoren und Makropaketen eine sehr flexible Lösung, jedoch waren die bei der Texterstellung erforderlichen Arbeitsschritte an die Fähigkeiten von Experten angepasst. Der Text wurde zusammen mit verschiedenen Befehlen zur Textformatierung in einem ganz normalen Texteditor geschrieben, die Umwandlung in eine druckfähige Vorlage erledigte dann eine Kombination verschiedener Programme für die Kommandozeile. (Hinzu kommt noch ein Makropaket, in dem mindestens die Einzelheiten der Seitengestaltung festgelegt werden. Die Anwender dieser Textsysteme mussten — und müssen, denn diese Systeme sind durchaus noch im Einsatz — die Kommandos von drei bis fünf verschiedenen Programmen beherrschen, um mit diesen Paketen arbeiten zu können; darüber hinaus mussten sie die damaligen Editoren beherrschen, die ebenfalls nicht leicht zu bedienen waren.)
Es zeigte sich schnell, dass die meisten Menschen damit überfordert sind, viele Befehle zur Steuerung eines Programmes im Kopf zu behalten. Die erste Idee zur Verbesserung der Situation für Benutzer zeigte das damalige Textprogramm “WordStar”, bei dem jederzeit eine Übersicht der möglichen Befehle zur Textbearbeitung eingeblendet werden konnte. Zudem wurde die Situation des Benutzers durch eine zweite Veränderung verbessert, da die gesamte implementierte Funktionalität innerhalb des Programmes zur Verfügung stand. Dabei konnten zwar keine eigenen Erweiterungen mehr vorgenommen werden, aber die Arbeitsschritte bei der Texterstellung wurden jetzt auch für technische Laien beherrschbar.
Schon relativ früh wurde diese Verbesserung durch eine Präsentation verfeinert, die alle möglichen Aktionen in Form von Auswahlmenüs zur Verfügung stellte. Alle diese Aktionen konnten auf verschiedene Weise ausgelöst werden: Entweder über das Menü, oder über den Tastaturzugriff auf das Menü oder aber über einen zusätzlichen Tastencode. So wurde trotz der verbesserten Bedienung ein schnelles Arbeiten für erfahrene Benutzer möglich, während der noch unerfahrene Anwender einen leichten Zugang erhielt. Diese Form der Benutzerführung hat sich so bewährt, dass sie bis heute als Standard für jedes ernst zu nehmende Programm anzutreffen ist.
Ein Problem blieb jedoch vorerst bestehen. Jedes Programm ging seine eigenen Wege in der Benutzerführung, und dies galt keineswegs nur für Programme im Textmodus. Selbst innerhalb grafischer Oberflächen musste in der Regel jedes Programm eigens erlernt werden.
Die Vereinheitlichung und der Style Guide
Hier bietet sich mir eine der seltenen Gelegenheiten, einmal etwas Gutes über Apple und Microsoft sagen zu können, und ich werde mir diese Gelegenheit keineswegs entgehen lassen. Denn in beiden Firmen sah man sehr früh (in der Zeit zwischen 1985 und 1988) ein, dass dem Anwender mit einer alles integrierenden grafischen Oberfläche allein noch nicht gedient ist, wenn er dennoch weiterhin jedes Programm einzeln erlernen muss. Und deshalb wurde sowohl für das damalige MacOS als auch für das damalige Windows ein “Style Guide” verfasst; eine Reihe von Vorgaben, die jedes Programm nach Möglichkeit einhalten sollte. Hierzu gehörten Festlegungen über die Anordnung und den Inhalt der Menüs, über Tastenkommandos, über die Gestaltung und Beschriftung von Schaltflächen und vergleichbares. Die zum System mitgelieferten Programme hielten diese Vorgaben natürlich ein und waren damit gutes Anschauungsmaterial und gutes Vorbild zugleich.
Da sich auch die meisten anderen Programme an diese Vorgaben hielten, musste der Anwender viele Dinge nur noch einmal lernen.
Ein Anwender weiß, dass er in fast allen Programmen unter MS Windows einen markierten Textbereich mit Strg-C in die Zwischenablage kopieren kann, um ihn mit Strg-V in ein anderes Programm einzufügen. Doch selbst, wenn ein Windows-Nutzer jetzt von diesen Tastenkommandos zum ersten Mal gehört hätte, profitierte er von der Vereinheitlichung, denn diese Möglichkeiten werden auch grafisch in einheitlicher Weise dargeboten:

Das Menü, dass solche Operationen mit der Zwischenablage ermöglicht, heißt immer “Bearbeiten” und steht immer an zweiter Stelle. Wenn die Anwendung eine Werkzeugleiste hat, denn stellt dieses Element nicht zusätzliche Möglichkeiten zur Verfügung, sondern Abkürzungen für häufige Menübefehle. Auch hierbei legt der Style Guide eine Reihenfolge und verbindliche Grafiken für die Präsentation fest. An erster Stelle stehen Dateioperationen, gefolgt von Druckoperationen, gefolgt von Such- und Recherchemöglichkeiten, gefolgt von Möglichkeiten des Arbeitens mit der Zwischenablage. Letztere sind immer als eine Schere für Ausschneiden, zwei Blätter für Kopieren, ein Blatt auf dem Klemmbrett für Einfügen und ein nach links gewandter Pfeil zum Zurücknehmen des letzten Arbeitsschrittes. (Wegen dieser Einheitlichkeit im geforderten Stil kann man sogar häufig ein wenig mit einer Anwendung arbeiten, die nur in einer Sprache vorliegt, die man selbst gar nicht versteht.)
Es handelt sich hier nicht um eine Eigenschaft von MS Windows (auf dem Macintosh sind die Konventionen übrigens sehr ähnlich, aber im Detail etwas abweichend), sondern “nur” um eine sinnvolle Konvention, die von allen Programmierern eingehalten wird. Wenn Programme davon abweichen, kann das für den Benutzer sehr überraschend sein — man stelle sich nur einmal ein Windows-Programm vor, dass mit Strg-V ohne vorherige Abfrage unter Datenverlust beendet wird oder das ein Scheren-Symbol verwendet, um seinen Anzeigebereich in zwei Hälften zu teilen! Jeder Mensch würde das unverständlich finden, und die Programmierer dieser Oberfläche wären. Gewiss. Häufig verfluchte Zeitgenossen.
Dieser Style Guide ist einmal aus Anwendersicht der wesentliche Vorteil eines Windows-PC oder eines Macintosh gegenüber jenen Systemen gewesen, die solche Konventionen nicht kannten. Alle Anwendungen wirkten, als seien sie aus “einem Guss”. Das war übrigens der Hauptgrund dafür, dass sich damals auch technisch überlegene Systeme nicht durchsetzen konnten, da dort die Anwendungen keine derartige Einheitlichkeit in der Bedienung aufwiesen. Wenn ein unixoides System über eine grafische Oberfläche verfügte, kam in der Regel jedes Programm mit seinem eigenen Design grafischer Elemente wie Schaltflächen und Menüs daher, und jedes musste auf eine eigene Weise bedient werden. Der Grund. Für den Siegeszug von Windows war seine Einheitlichkeit aus Anwendersicht.
Das ist Vergangenheit
Ich habe das in der Vergangenheitsform geschrieben, denn es war einmal. Seit dem Jahr 1995 kehrt sich die Situation um, und ein Ende dieser Entwicklung ist noch nicht abzusehen.
Inzwischen sieht es so aus, dass es auch auf einem unixoiden System wie Linux durch die beiden Desktop-Projekte zu einer großen Einheitlichkeit der Benutzerführung gekommen ist. Diese lehnt sich übrigens weitgehend an jene Konzepte an, die man heute dank der frühen Bemühungen von Apple und Microsoft als Standard empfindet. Bis hin. Zu solchen kleinen Absurditäten, dass man in einer Anwendung immer noch auf das Symbol einer Diskette klickt, um etwas zu speichern, während inzwischen längst das Zeitalter dieses Datenträgers vorüber ist. Die konventionell gewordenen Symbole haben jetzt vielfach ihre konkrete Bedeutung verloren und sind aus sich selbst heraus gar nicht mehr verständlich, sondern zu einer abstrakten Kunstsprache geworden, die den technischen Stand der 90er Jahre widerspiegelt. Vermutlich wird man auch noch in 30 Jahren zum Speichern auf Disketten klicken, obwohl dann nur noch ältere Menschen wissen, was einmal das reale Vorbild für dieses Piktogramm war.
Während sich also typische Desktop-Anwendungen unter Linux inzwischen konsistent bedienen, wird bei den kommerziellen Systemen der Vorteil der einheitlichen Benutzerführung immer mehr aufgegeben.
Im Sommer des Jahres 1995 hat Microsoft aus der Sicht der Benutzerführung vermutlich das beste System seiner bisher ganzen Geschichte herausgegeben: Windows 95. Alle Konzepte waren klar und auf einem Blick erkennbar. Es gab Menüs, es gab Werkzeugleisten, die Abkürzungen für häufige Menübefehle zur Verfügung stellten, es gab ein Startmenü, um die Anwendungen zu starten. Schaltflächen hatten einen hevorstehenden, dreidimensionalen Rahmen und waren sofort als solche zu erkennen, es gab keine grafischen Zierelemente in den Anwendungen, die den Benutzer verwirren konnten. Ich habe immer wieder erlebt, dass Anfänger sofort mit diesem System klarkamen, nachdem man ihnen in lockeren zehn Minuten ein paar Grundlagen erklärt hat. (Über die technischen Unvollkommenheiten dieses Systemes werde ich an dieser Stelle allerdings schweigen. Diese. Waren. Schrecklich.)
Beginnend mit diesem Tag ging es bergab. Mit der einheitlichen Benutzerführung. Unter Windows.
Ein kleiner Rückblick: Der Browserkrieg
Was damals begann, ist vielleicht einigen Menschen noch als der “Browser-Krieg” im Gedächtnis. Es war der Siegeszug des Internet und die damals damit verbundene, etwas verrückte Vorstellung, dass das im Browser präsentierte Internet als Plattform für Anwendungen dienen könnte, dass also die bisherigen Betriebssysteme in einem gewissen Maß entbehrlich werden könnten. Bei Microsoft hatte man das Internet bis dahin völlig “verschlafen”, doch nun trat eine gewisse Panik auf, da das Produkt “Windows” mit allen daran hängenden Software-Produkten im Zuge einer solchen Entwicklung unwichtig werden könnte.
Als erste Tat Microsoft kam es zu einer gezielten und vorsätzlichen “Verseuchung” von Internet-Standards. (Das Web brauchte Jahre, um den ganzen damit verbundenen Unfug abzuschütteln.) Mit Hochdruck wurde bei Microsoft ein Browser aufgekauft und weiterentwickelt, der in Zukunft vor allem drei Eigenschaften haben musste: Er musste besser sein als Netscape (das war wirklich leicht), er musste für seine Anwender eine Bindung zum Betriebssystem Windows herstellen und er musste gezielte Inkompatibilitäten enthalten, die eine Bindung möglichst vieler Benutzer an den neuen Browser und damit an MS Windows erzwangen. Das absurde Theater ging so weit, dass eine Zeitlang zwischen den beiden Browsern durch eine vorsätzliche Technikverhinderung von Seiten Microsofts nicht einmal die Zwischenablage funktionierte — so sehr war man dort an der Sabotage des Konkurrenten interessiert. Heute hängt dem Internet-Explorer dieser Teil seiner Vergangenheit wie ein Klotz am Bein, denn einige der damals getroffenen Entscheidungen müssen weiterhin aufrecht erhalten werden, da in heutigen Intranets immer noch viel Software verwendet wird, die gewisse Eigenwilligkeiten des IE voraussetzt. Und. Unterdessen gibt es freie Browser, die wesentlich besser sind.
Auch eine weitere Entscheidung der damaligen Zeit wirkt bis heute nach, und diese ist vielleicht sogar noch schlimmer.
Um nach Möglichkeit allen Windows-Nutzern den eigenen Browser aufzuzwingen, ging Microsoft nämlich einen in seiner kriminellen Dreistheit sehr “kreativen” Weg. Bislang wurde ja stets eine Trennung zwischen dem Betriebssystem und den Anwendungen gemacht, die auch recht sinnvoll ist. Diese Trennung. Galt selbst für die zum System mitgelieferte Software. Und tatsächlich: Niemand würde erwarten, dass eine Windows-Installation nach dem Löschen der Datei notepad.exe aus dem Systemordner nicht mehr funktionieren würde. (Auf Windows-Rechnern ersetze ich dieses unsägliche “Not-Päd” wann immer möglich durch einen anderen Editor, den ich einfach über die Datei kopiere.) Aber ausgerechnet für den eigenen Webbrowser behauptete Microsoft einfach, dass es sich hierbei um eine Komponente des Betriebssystemes handele — und damit man so einen Strunz auch wirksam behaupten kann, muss diese “Komponente” denn auch überall im System verwendet werden. Mit diesen Trick konnte mit den weiteren Windows-Versionen ein Microsoft-Browser ausgeliefert werden, dessen Deinstallation künstlich unmöglich gemacht wurde. (Ich habe diese angebliche “Komponente” von Windows auch schon einmal unter Linux mit WINE zum Laufen gebracht, also ohne die Spur eines echten Windows-Systemes. Es scheint sich wohl doch in Wirklichkeit um eine Anwendung zu handeln.)
Webgestaltung als Vorbild für die Benutzerführung
Zwei Dinge kann man über Websites sagen: Erstens sind sie in der Regel so gestaltet, dass sie in einem gewissen Maß unverwechselbar sind. Und. Zweitens sind sie kein Vorbild der guten Benutzerführung, sondern in der Regel von anderen Sites, auch von solchen mit ähnlicher Funktion und ähnlichen Inhalten, deutlich unterschieden und dabei oft sogar noch in sich selbst inkonsistent. (Das gilt übrigens auch für dieses Blog, dessen verschiedene Navigationsinstrumente durchaus verwirren können.)
Das ist kein gutes Beispiel für eine Oberfläche, mit der Menschen zielstrebig arbeiten sollen. Dennoch hat man in den folgenden Jahren bei Microsoft immer mehr versucht, Windows und dafür erstellte Anwendungen im Stile einer Website zu gestalten.
Mit der Installation des Internet Explorer 3 oder eines Windows 98 wurde zunächst der Dateimanager gegen eine Instanz des Browsers ausgetauscht, um die Dateiverwaltung in einer web-ähnlichen Präsentation zu ermöglichen. (Das sollte sich einmal jeder Leser in Ruhe vorstellen, der es jetzt zum ersten Male mitbekommt: Eine voll aufgeplusterte Internet-Software für eine so banale Aufgabe wie das Organisieren von Dateien auf der lokalen Festplatte! Das ist in seiner Unsinnigkeit etwa so, als würde man den Taschenrechner des Systems mit einem im Hintergrund rechnenden Excel verwirklichen.) Diese Idee wird bis heute aufrecht erhalten und noch weiter ausgebaut, obwohl ich immer wieder erleben darf, dass Anwender das eher unübersichtlich und verwirrend finden. Als kleine Krönung dieses Unfugs wurde dem als Dateimanager verwendeten Browser ein “Throbber” gegeben, eine Grafik in der rechten oberen Ecke, die animiert wird, während das Fenster arbeitet. Dieses Element ist bei einem Webbrowser durchaus sinnvoll, um auch bei längeren Datenübertragungen die Tatsache zu verbildlichen, dass der Browser noch nicht abgestürzt ist. In einem Dateimanager lässt es nur sehr unvorteilhafte Schlüsse über die Stabilität dieses doch recht wichtigen Systemprogrammes zu…
Mit der Installation eines Internet Explorer 4 wird der Desktop von einer Instanz des Browsers gezeichnet. Zum Glück hat sich die damalige Idee Microsofts, auf Grundlage dieser “Technik” Reklame auf dem Desktop einzublenden, nicht durchgesetzt — dafür war die Welt noch nicht reif. Aber diese Möglichkeit gehört weiterhin zu Windows, und vielleicht kommt es demnächst einmal zu einem zweiten Versuch bei einer inzwischen deutlich übler verdummten Anwenderschaft.
Im Laufe der Zeit wurden immer mehr interaktive Elemente, die man sonst eher auf Websites verortete, zum Bestandteil der Benutzerführung gemacht. Begonnen hat es damit, dass Schaltflächen in Werkzeugleisten nicht mehr mit einem dreidimensionalen Rahmen gezeichnet wurden und damit so gestaltet wurden, wie dies damals in grafischen Navigationen von Websites häufig üblich war. Erst beim Überstreichen mit dem Mauszeiger wird die Grafik ausgetauscht und zeigt auch optisch die Bedeutung des Elementes an. Leider ist dieser Unfug inzwischen allgemein üblich.
Plötzlich tauchten sogar in vielen Dialogfenstern an Stelle von Schaltflächen blaue Texte auf, die beim Überstreichen mit der Maus unterstrichen wurden. So. Dass die ganze Oberfläche fast so inkonsistent und unübersichtlich wie eine Website wurde.
Mit dieser “Verwebbung” der Anwendungsebene ging die Idee einher, dass Anwendungen ähnlich wie Websites speziell gestaltet werden könnten. Begonnen wurde dies von Seiten Microsofts keineswegs mit einem Spielzeug, sondern mit dem eigenen Office-Paket, dessen grafische Oberfläche in Office 97 völlig an den eingebauten Möglichkeiten des Systems und an den eigenen Stilvorgaben vorbei programmiert wurde, und zwar keineswegs zum Vorteil für die Übersicht des Anwenders. Das nächste Opfer war etwas weniger wichtig, es war der Media Player, der heute kaum noch wie eine Anwendung aussieht — und einen Menschen bei der ersten Begegnung kräftig verwirren kann. Inzwischen gibt es eine Menge von Anwendungen, deren grafische Gestaltung sich völlig von den Vorgaben und Möglichkeiten des verwendeten Betriebssystemes “emanzipiert” hat, hier muss der Benutzer wieder jede Anwendung einzeln lernen. Aber die Vorlage für solches Streben nach “coolem Look” hat Microsoft selbst gegeben.
Mit Windows XP entstand eine grafische Oberfläche, die eine kunterbunte Mischung aus gestalterischen Elementen typischer Websites zusammen mit Elementen klasssicher Oberflächen wurde. In sich inkonsistent und für einen Neuling teilweise gar nicht mehr durchschaubar. Selbst das Starten eines Programmes über das Startmenü kann ein bisschen herausfordernd werden, obwohl das so riesig geworden ist…
Doch auch bei Apple schlief man nicht, denn dort wurde ebenfalls an der grafischen Gestaltung “gebastelt”. Wer das noch sehr durchschaubare und auf seine krude Art elegante MacOS 9 gewohnt ist, der wird die Benutzerführung in MacOS X hassen. Um den Menschen aber dennoch etwas zu verkaufen, was wie ein Computerbildschirm auf LSD aussieht, wurde ihnen jede Menge Zucker in die Augen gestreut. Klar, dass da auch Microsoft nicht zurückstehen mag, vieles an Windows Vista ist eine Nachbildung dessen, was MacOS X grafisch auszeichnet.
Die Einheitlichkeit der Benutzerführung ist auf beiden Systemen dahin, sie findet sich nur noch in ein paar Nischen (vor allem in älteren Programmen) und ist eher eine Erinnerung an frühere Zeiten.
Die bessere Benutzerführung
Die marktbeherrschenden Betriebssysteme haben einen großen Vorteil ohne besondere Not aufgegeben, nur, um eine “coolere” Präsentation des Systemes realisieren zu können. Das ist dumm. Unterdessen sind freie Alternativen für den Desktop entstanden, die jetzt eine konsistente und einheitliche Benutzerführung verwirklichen, die jedem “normalen” Anwender entgegenkommt. Die Dummheit könnte also schnell von Kunden abgestraft werden. Sie wird es allerdings noch nicht.
Ich habe mehrfach erlebt, dass ich normale Anwender vor einem GNOME-Desktop an einem Linux-Rechner gesetzt habe, die nur etwas wie “So einfach ist das? Das ist ja leichter als mein XP” sagten — und den ganzen optischen Schnickeldöns hat dabei niemand vermisst. Aber das waren alles Menschen, die am Rechner ein Ziel verfolgten, die etwas Bestimmtes mit der Maschine erreichen wollten. (Und nein, sie wollten nicht programmieren.) Für solche Menschen gibt es unter Linux heute eine bessere Benutzerführung als unter den kommerziellen und unfreien Konkurrenzsystemen.
Dass diese sich dennoch halten können, scheint vor allem drei Gründe zu haben.
Erstens laufen im betrieblichen Umfeld noch immer jede Menge Anwendungen, die Windows vorausetzen. Dies macht einen Umstieg auf ein anderes System schwierig und möglicherweise sehr teuer, so dass man besser bei Windows bleibt.
Zweitens scheinen zu viele Menschen gar nichts anderes als das Windows zu kennen, das sie heute überall im betrieblichen Umfeld zu sehen bekommen. Deshalb kommen sie auch nicht auf die Idee, einmal ein anderes, möglicherweise für ihre Ansprüche besseres System zu probieren.
Und Drittens. Scheint es immer mehr Menschen zu geben, die persönlich mit ihrem Computer gar kein Ziel mehr verfolgen, sondern darin nur noch eine multimediale Bespaßungsmaschine und einen unermüdlichen Partner für Spiele und Wanderungen durch virtuelle Welten sehen. Da reicht es natürlich, wenn man die gängigen Medienplayer bedienen kann und einen schönen breiten Bildschirm hat — das verwendete System muss gar nicht mehr alle Möglichkeiten des Computers zur Verfügung stellen. Und wenn man die Geräuschuntermalung schön laut stellt, nervt auch der zusätzliche Kühler auf der Grafikkarte nicht.
Aber das Letztere ist natürlich nur eine Vermutung.
Sicher ist nur, dass die Verschlechterung der Benutzerführung weiter gehen wird, der Trend scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Zum Teil ist übrigens auch Linux von diesem Trend erfasst, aber dort. Ist alles. Bei weitem nicht so schlimm. Wer sich anschaut, dass ich zum Einsteig dieses Textes gerade unixoide Systeme als Musterbeispiel schlechter Benutzerführung aufgeführt habe, sieht das Absurde dieser Entwicklung.
Wer seinen Computer wieder zurückbekommen möchte, sollte ruhig einen längeren Blick auf Linux risikieren. Es kostet nichts.
Um entsprechenden Kommentaren vorab die Luft zu nehmen: Ich habe keine eigene Erfahrung mit den diversen Geschmacksrichtungen von BSD, deshalb kann ich dafür keine Empfehlung aussprechen. Ich weiß allerdings, dass jeder Mensch mit fortgeschrittenen Anwenderkenntnissen eine heutige Linux-Distribution sicher zum Laufen bekommt und nach der Installation eine Umgebung vorfindet, mit der er produktiv arbeiten kann.