Kaum etwas vermag die kalte Tristesse des Daseins in den Wohn- und Funktionshöllen der Jetztzeit besser einzufangen als diese kleinen Details, die im bunten, duftigen Frühling besonders schmerzen:

Blühende Bäumchen vor Beton und Glas, davor ein Zaun, davor ein Schild, dass das Ballspielen verboten sei

Vor der Fassade aus Beton und Glas eine grüne Kosmetik; ein paar Bäumchen, die unbeeinflusst vom kulturellen Wahnsinn mechanisch ihrem biologischen Zyklus folgen und unverdrossen vor sich hin blühen. Doch nicht für die Öffentlichkeit, denn sie sind Besitz und stehen hinter einem hohen Zaun. Etwas öffentlicher ist die Wiese davor, und sie trägt auch so etwas ähnliches wie einen Baum, der sehr wohl für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Ein Baum mit Stamm aus Stahl, dessen bunte, rostfreie Siebdruckblüte nicht wie hier geschehen mittels eines Eddings, sondern durch stummen Gehorsam bestäubt werden soll; ein Schild, das vor allem den Kindern eine nahe liegende Nutzung des knappen, grünen Streifens verbietet. Denn. Das Spielen der Kinder mit Bällen verursacht Geräusch, und dieses Geräusch stört jene Funktionierenden hinter dem Zaun und hinter den blühenden Bäumchen und hinter dem korridierenden Beton und hinter den gut geputzten Fenstern viel mehr als die konkrete Tristesse ihres Lebens.

Die Kinder sollen gefälligst auf die ihnen zugewiesenen, grauen, wohlumzäunten Kinderplätze gehen, sind doch auch die Hunde auf ihren Hundeplätzen. Alles hat seinen Platz zu haben, und zu leben hat der Mensch anderswo, wenn an einem Platz etwas anderes seinen Platz zu haben hat — etwas kaltes, graues, das sich nur notdürftig mit ein paar Bäumchen. Tarnen kann.

Wenn irgendwelche Ministerinnen in ihrer von-der-Leyenhaften Betrachtung des laufenden gesellschaftlichen Prozesses meinen, dass der Menschen in Deutschland tägliche Abstimmung mit den Mutterleibern allein durch Ausschüttung von Geld zu beeinflussen sei, denn belegen sie damit vor allem, dass sie ihren Kinden einen besseren Platz kaufen können. Als jenen Platz. Den zu viele Menschen mangels einer anderen Wahl zur Verfügung haben. Und sie machen deutlich. Dass sie ihre politische Parallelgesellschaft gar nicht mehr verlassen, um sich mit der Wirklichkeit in Deutschland zu befassen. In einer unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten täglich deformierten Welt, die gerade Kindern jeden Tag ein bisschen weniger Platz zum Leben neben der brummenden Wirtschaft und der dröhnenden Straße der individualmotorisierten “Freiheit” lässt, ist der Verzicht vieler Menschen auf eigene Kinder nicht etwa eine “Entscheidung gegen das Leben”, wie das die Propaganda manchmal so plakativ und vorwurfsvoll in die Medien presst. Sondern. Eine fast schon humanitäre Entscheidung; eine wahr-genommene und gelebte Verantwortung, die angesichts des immer weiter angeknabberten Lebensraumes gewiss viel Leiden zu vermeiden hilft.

Das Bild ist nur ein Beispiel für viele andere derartige Anblicke, wer seine Augen offen hält, sieht so etwas überall. In einem Land. Das schon lange nicht mehr “seines” ist.

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