Die Content-Industrie kann es einfach nicht hinnehmen, dass mittlerweile eine technische Infrastruktur entstanden ist, in der Informationen aller Art frei und mühelos kopierbar werden. Weil. Das Geschäft dieses Industriezweiges darin besteht, von Natur aus nicht knappe, leicht duplizierbare Güter künstlich zu verknappen und auf diese Weise künstliche Marktpreise mit diesen künstlich verknappten Gütern zu erzielen. Bei so viel Künstlichkeit verwundert es auch nicht weiter, dass sich jetzt auch so genannte “Künstler” für die öffentliche Desinformation der Menschen und insbesondere der Vertreter der politschen Kaste hergeben. Und. Einen offenen Propaganda-Brief der Content-Industrie an Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Unterschrift aufwerten:

Rund 200 teilweise prominente Künstler haben einen vom Bundesverband Musikindustrie verfassten offenen Brief an Angela Merkel unterzeichnet, in dem die Bundeskanzlerin aufgefordert wird, sich für den Schutz des geistigen Eigentums einzusetzen und das Thema “zur Chefsache” zu machen.

Was mit diesem “zur Chefsache machen” gemeint ist, das ist erfrischend klar. Es geht um eine Kriminalisierung der Internet-Nutzer in Deutschland, und zwar der überwiegenden Mehrheit der Internet-Nutzer. Und. Um die damit verbundene Forderung nach weitgehender Überwachung des Netzverkehres, um die gleichermaßen eindeutigen wie einseitigen Interessen der Content-Industrie durchzusetzen. Am besten wohl mit harten, abschreckenden Maßnahmen. Dabei wird mit Zahlen nicht gespart, so dass durchaus die verhaltene Frage aufkommen kann, woher diese Lobbyarbeiter das eigentlich wissen. Angeblich soll der Umfang illegal kopierter Werke das Volumen der legal lizensierten um das zehnfache übersteigen, und siebzig Prozent des gesamten Netzverkehres soll allein auf diese eine Nutzungsform zurückgehen. Im Land der Dummen ist man ja so versessen auf Zahlen, dass da vielen schon die Frage nicht mehr aufkommt, woher diese Zahlen eigentlich stammen. Mir kommt sie sehr wohl auf, und ich frage die dreisten werten Herren Autoren dieses offenen Briefes, woher diese Zahlen eigentlich stammen. Man wird doch dort wohl nicht etwa heimlich das Fernmeldegeheimnis missachten und verdeckt den Netzverkehr “abhören”, oder? :mrgreen:

Nein, wenn man nur kurz darüber nachdenkt, fällt sofort auf, dass diese Zahlen völlig aus der Luft gegriffen sein müssen. Umso. Übler. Ist die an sich schon üble Aktion, die sich nicht schämt, plump manipulative Mittel zu benutzen.

Angesichts der jüngeren technischen Entwicklung sollten wir alle einmal etwas innehalten, um diese im Stile der Reklame daher kommende Lobbyarbeit und Propaganda der Content-Industrie angemessen zu würdigen.

Hierzu einmal ein kleiner Blick zurück in die Vergangenheit. Die vernetzten Computer sind ja nicht die einzige Verbesserung der Informationstechnik in der bisherigen Menschheitsgeschichte, und sie werden wahrscheinlich (und hoffentlich) auch nicht die letzte Verbesserung bleiben. Vermutlich in den Dreißiger und Vierziger Jahren des 15. Jahrhunderts wurden die Grundlagen für eine informationstechnische Neuerung gelegt, deren gesellschaftliche Auswirkungen bis heute nachwirken. Gemeint ist hier die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg. Die recht simple technische Idee machte es erstmals in Europa möglich, schriftlich festgehaltene Informationen mit relativ geringem Aufwand zu vervielfältigen, was eine deutliche Verbesserung gegenüber der Handarbeit der klösterlichen Skriptorien oder der individuellen Fertigung einer Druckplatte für jede einzelne Seite einer zu druckenden Publikation war. Dieser Fortschritt machte erstmals in der europäischen Geschichte Information und damit die Möglichkeit zu Wissen und Bildung für breitere Schichten der Bevölkerung und außerhalb des klösterlichen Umfeldes zugänglich. Dies führte zu einer Ausbreitung der Alphabetisierung unter bislang vorwiegend analphabetischen Menschen, zum Zerfall des bisher bestehenden röm.-kath. Monopols auf Wissen und Bildung, zur Reformation, zur Aufklärung, zur Verbesserung des hygienischen Bedingungen, zur allgemeinen Demokratisierung der Gesellschaft. Beinahe alle folgenden Fortschritte der europäischen Kultur sind mehr oder minder auf diese eine Innovation zurückzuführen, sie sind Kinder der leicht duplizierbaren Information. Unsere gesamte Kultur (einschließlich ihrer blutigen Seiten) wäre nicht denkbar, wenn die Erfindung Gutenbergs unterdrückt worden wäre.

Natürlich wurde diese Technik auch missbraucht, und sie wird es bis heute. Zum Beispiel von der Content-Industrie für diesen in seinem Ton und in seiner Zielsetzung recht schamlosen Werbefeldzug. (Die Werke der “Künstler”, die dieses üble Elaborat unterschrieben haben, werden fortan von mir boykottiert, bis sich diese Menschen öffentlich dafür entschuldigt haben, sich für so etwas herzugeben.) Und natürlich kommt diese Technik mit ihrem eigenen Problemkreis daher. Nämlich. Mit den benötigten Produktionsmitteln für den Druck und die Verbreitung massenwirksamer Informationen, deren Besitz und Verwendung immer an Geldbesitz gekoppelt ist. Die Pressefreiheit unter diesen Bedingungen war und ist vor allem ein Recht für die Besitzenden. Was ein Problem ist. Das bis auf den heutigen Tag fortbesteht und das sich momentan durch die Zentralisierung in Form von Nachrichtenagenturen und durch die Abhängigkeit des gesamten journalistischen Betriebes von der Reklame noch verschärft.

Für mich liegen die Parallelen der damaligen zur heutigen Entwicklung auf der Hand. Ebenso wie die Unterschiede. Zunächst zu den Unterschieden. Mit der Infrastruktur des Internet ist erstmals eine Informationstechnik geschaffen worden, die völlig dezentral organisiert ist, da sie prinzipiell ein Netzwerk gleichberechtigter Rechner ist. Das macht die Kontrolle über die transportierten Inhalte schwierig bis undurchführbar; das Internet ist ein inhärent demokratisches Medium. (Was übrigens auch auf die “demokratische Gesinnung” derer schließen lässt, die dieses Medium unablässig als Gefahr bezeichnen und betrachten.) Auch sind die Missbrauchsformen andere geworden. Ich weiß nicht, ob die veröffentlichten Zahlen der Content-Industrie auch nur ansatzweise der Realität nahe kommen, aber ich kenne andere Zahlen, die ich auf Anfrage gern nachweisen kann. (Hier der heutige Stand:) Fast 95 Prozent meines Mailaufkommens sind Spam, und 89 Prozent der Kommentare in diesem Blog sind Spam. Wenn mich jemand nach dem größten Problem im gegenwärtigen Internet fragen würde, denn würde ich diesen schwer benennbaren Komplex aus illegaler Werbung (für meist kriminelle Angebote) und kriminellen Attacken auf die Integrität von Computersystemen an erster Stelle anführen — der Schaden, der durch dieses mafiöse Millardengeschäft bei arglosen Netznutzern angerichtet wird, ist niemals erfasst worden, dürfte aber immens sein. Hier ist noch viel Aufklärung von Nöten, und es spricht Bände, dass die Content-Industrie diese Aufklärung nicht einmal ansatzweise leistet.

Nun aber zu den Parallelen. Mit der Verbesserung der technischen Grundlagen der Ausbreitung von Information wurden und werden bestehende Monopole der Information gefährdet. Das war schon beim oben erwähnten Buchdruck mit beweglichen Lettern der Fall, der dazu führte, dass das bisherige kirchliche Monopol zerbrach, und es ist ebenso jetzt der Fall. Dies geht immer auch damit einher, dass bislang unterdrückte (also künstlich knapp gehaltene) Informationen einem breiteren Kreis von Menschen müheloser und mit geringerem Aufwand an Kraft und Geld zugänglich werden, und das ist — unabhängig von gewissen, damit verbundenen Exzessen — eine löbliche Entwicklung. Der. Wir alle. Bis heute viel Gutes zu verdanken haben. Die Vertreter der Content-Industrie, die diese Aktion mit aller Geldmacht als gekaufte Reklame in die große Presse pressen, gehören zu den Verlierern dieses gesellschaftlichen Fortschritts. Und. Sind atemlos darum bemüht, diesen Fortschritt aufzuhalten. Sie erinnern in ihrem ganzen Gehabe an eine Horde Mönche aus einem klösterlichen Skriptorium, die sich darum bemühen, die bessere Technik als Teufelswerk zu kennzeichnen. Um auf diese Weise ihre gefährdeten Privilegien zu verteidigen. Nur. Dass man heute nicht mehr den Teufel an die Wand malt, sondern — auch dem Buchdruck sei es gedankt — “aufgeklärten” Aberglauben verbreitet und die Nutzer der neuen Technik zu kriminalisieren sucht. Die dazu flugs ausgeknobelten Zahlen appellieren ebenfalls an einen “aufgeklärten” Aberglauben, und sie werden wohl leider von vielen Menschen gar nicht wirklich hinterfragt werden.

Ich als Autor und Mitgestalter des deutschsprachigen Internet fühle mich durch diese Aktion, die ich zwar in ihrer Motivation verstehen kann, die ich aber in ihrer gleichermaßen hilflosen wie schamlosen Durchführung fast schon lächerlich finde, persönlich beleidigt. Ich, der ich jeden Tag auf eigene Kosten und mit eigenem Aufwand einen kleinen, marginalisierten Beitrag zur Ausgestaltung des Internet leiste, werde im Rahmen dieser Aktion auf eine Stufe mit Menschen gestellt, deren (übrigens natürliche) Techniknutzung kriminalisiert wird und es wird mehr als nur unterschwellig danach gerufen, dass es die Politik der BRD zur “Chefsache” macht, auch jemanden wie mich — der ich übrigens meine Kunst und meine Musik zur freien Verfügung stelle — wie einen potenziellen Verbrecher zu behandeln und permanent in seiner Internetnutzung zu observieren. Das finde ich — mit Verlaub — schon ziemlich arschlochhaft. Und. Zwar auch. Von jenen. Die so etwas mit ihrem Namen unterschreiben.

Um dieser einseitigen Kriminalisierung aller deutschen Internet-Nutzer wenigstens ein bisschen entgegen zu treten, ist hier mein eigener

Offener Brief an Angela Merkel

Werte Frau Bundeskanzlerin,

mit großer Sorge, aber auch mit einer gewissen Erheiterung verfolge ich die Bemühungen gewisser Verbände, auf Ihre politischen Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Zurzeit wird dies von der Musikindustrie über einen “offenen Brief” versucht, der von einer Vielzahl von Menschen unterschrieben wurde, die aber sämtlich von der institutionalisierten Vermarktung ihres Schaffens durch diese Industrie wirtschaftlich abhängig sind. In diesem in der Form einer ganzseitigen Anzeige in die Presse gebrachten Brief wird bewusst ein sehr einseitiger Eindruck vom Internet und von den Nutzern dieses Computer-Netzwerkes erweckt. Dieser Eindruck ist für jeden Gestalter des deutschsprachigen Internet beleidigend, und er wirft zudem die Frage auf, in welcher Weise die in diesem Brief genannten Zahlen ermittelt wurden.

Als freier dadaistischer Künstler, Musiker, Autor und aktiver Mitgestalter des öffentlichen kulturellen Lebens in meinem Umfeld bin ich jeden Tag froh über die Möglichkeiten des Internet. Ohne dieses Medium wäre es mir — und vielen anderen Kulturschaffenden — nicht möglich, Menschen an mein Werk heranzuführen, ohne mich in eine für mich selbst und mein gesamtes Werk sehr unvorteilhafte Abhängigkeit von den Mechanismen der Inhalte-Industrie und ihrer Produktionsmittel zu begeben. Allerdings verfolge ich mit meinem Werk auch keine Absicht der Gewinnerzielung, weshalb ich es völlig frei zur Verfügung stellen kann. Dabei konnte und kann ich immer wieder beobachten, dass es neben mir noch sehr viel mehr Menschen gibt, die ihre Teilhabe an der Kultur aktiv verstehen und sich nicht auf das passive Konsumieren industrieller Kulturerzeugnisse beschränken. In der Tat ist es so, dass einige öffentliche Kulturveranstaltungen, an denen ich mitgewirkt habe und mitwirke, ohne die Möglichkeiten des Internet niemals existiert hätten, wir haben uns als kreativ-schöpferische Köpfe über dieses Medium kennengelernt und beschlossen, gemeinsam ein Zeichen für ein lebendiges, kulturelles Leben zu setzen. Alle unsere Veranstaltungen waren exquisit nicht-kommerziell und haben mit Mühe und Not unsere Kosten gedeckt, während wir die Arbeit an unserem Werk immer auch befriedigend und beglückend fanden.

Auf diesem Hintergrund empfinde ich — und vermutlich mit mir auch viele weitere Menschen — es als empörend, in welcher Weise das Medium Internet in diesem “offenen Brief” der Musikindustrie kriminalisiert wird; darüber hinaus erachte ich es als persönliche Beleidigung, dass solches Ringen der Rechteverwerter immer mit der impliziten oder expliziten Forderung nach einer weitgehenden Observation des Internet-Verkehrs einher geht, ganz so, als sei jemand wie ich ein gefährlicher Verbrecher.

Ich gehe davon aus, dass Sie die große Einseitigkeit dieser plakativen und rhetorisch recht üblen Darstellung der Musikindustrie selbst durchschauen können. Doch ich wünsche mir darüber hinaus sehr, dass Sie in unmissverständlicher Weise zu dieser unerträglichen Verunglimpfung der aktiven Gestalter des deutschsprachigen Internet und der Kulturschaffenden in Deutschland Stellung nehmen und diesem allzu einseitigen und eindeutigen Versuch der Vertretung wirtschaftlicher Interessen der Musikindustrie eine angemessene Abfuhr erteilen. Besinnen Sie sich bitte auf die grundgesetzliche Freiheit allen künstlerischen Schaffens und verweisen Sie auf die große Bedeutung des Internet als Träger einer lebendigen Kultur auch in jene Schichten hinein, die von der vermarkteten, institutionalisierten Kultur nicht mehr erreicht werden! Ich glaube, dafür wären ihnen neben mir viele Gestalter des Internet dankbar, selbst jene, die — wie ich — mit anderen politischen Leitlinien ihrer bisherigen Kanzlerschaft nicht einverstanden waren.

Hochachtungsvoll

Der Nachtwächter

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