Was die Menschheit angesichts der sich immer mehr ausweitenden Irrationalität, ja, des pseudowissenschaftlich getarnten Aberglaubens namens “Wirtschaftswissenschaften” benötigt, das ist eine neue Aufklärung. Dies gilt umso mehr, als dass inzwischen ganze Gesellschaftssysteme an diesem modernen Unfug ausgerichtet werden sollen und auch immer mehr ausgerichtet werden.

Die mechanisch-gebetsmühlenhaft wiederholten Formeln und die unvernünftigen Forderungen (zum Beispiel die jeder “neuen” Idee stets implizite Forderung nach endlosem exponentiellen Wachstum) der Vertreter dieses geldbetrunkenen Aberglaubens müssen auseinander genommen und richtig gestellt werden, und zwar immer und immer wieder, bis nicht einmal mehr die Dümmsten dem hanebüchenen Unsinn Glauben schenken mögen. So ermüdend dieses Richtig-Stellen ist, so wenig darf sich der Geist dabei ermüden lassen — wer stumm bleibt, stimmt zu.

Die folgende Liste enthält nur Anregungen für die erforderliche neue Aufklärung:

  • Der wirtschaftliche Prozess hat dem Menschen zu dienen, nicht der Mensch dem wirtschaftlichen Prozess. Wo die Anforderungen des wirtschaftlichen Prozesses zur kategorischen Forderung an die Menschen werden, da ist eine Ersatzreligion entstanden, welche die zu erringende Gnade der alten Gottheiten gegen die zu erringenden wirtschaftlichen Kennziffern ausgetauscht hat. Wenn Menschen sich um jeden Preis an wirtschaftliche Selbstzwecke — die meist als Sachzwänge vermittelt werden — anpassen sollen, entsteht ein moderner Götzendienst. Der angebetete Götze ist jedoch ein Menschen fressender Moloch.
  • Die Forderung nach endlos fortgesetztem exponentiellem Wachstum ist nicht erfüllbar. Dies gilt auch unter optimistischsten Annahmen bezüglich der zukünftigen technischen Entwicklung. Eine solche Forderung für erfüllbar zu halten, ist in ähnlicher Weise dumm wie es dumm ist, an die Wirksamkeit von Magie zu glauben, die Erde für eine Scheibe zu halten oder entgegen aller beobachtbarer Tatsachen am Kreationismus festzuhalten. Das weise Verwerfen der dummen Idee vom fortgesetzten exponentiellen Wachstum beinhaltet auch die Möglichkeiten zur vernünftigen Familienplanung.
  • Die Erfüllung der Forderung nach “mehr Wettbewerb” führt nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer langfristigen Verschlechterung der Bedingungen. Tatsächlich ist es eine Eigenart der Spezies Mensch, dass sie ein soziales Wesen ist. Viele spezielle Möglichkeiten des Menschen, die sich in der Vergangenheit als evolutionärer Vorteil erwiesen, haben in dieser Eigenart ihre Wurzel. Die einmaligen Möglichkeiten der sprachlichen Kommunikation schaffen die Bedingung für komplexe Formen der Zusammenarbeit, diese wiederum überwinden die Beschränktheit der Möglichkeiten des Individuums. Die großen menschlichen Leistungen entstehen im Miteinander der Menschen, nicht im Gegeneinander. Ich möchte gar nicht wissen, an welchem Punkt die heutigen technischen Möglichkeiten, die Software oder die Grundlagenforschung angelangt wären, wenn nicht jede Entwicklung unter den erstickenden Bedingungen des Gegeneinanders stattgefunden hätte. (In der Software hat dieses Gegeneinader einst kaum existiert, da man Software in der Anfangszeit der EDV nicht für ein wirtschaftliches Gut hielt. Alle Grundlagen heutigen computings wurden in dieser Zeit geschaffen, während seither nicht mehr viel geschah.)
  • Menschen sind keine “Arbeitsdrohnen”, sondern Individuuen mit jeweils eigenen Möglichkeiten und Einschränkungen. Es ist angesichts der kommenden Schwierigkeiten, die sich bereits jetzt am Horizont abzeichnen, ein nackter Wahnsinn, auch nur auf die spezifischen Möglichkeiten eines einzigen Menschen verzichten zu wollen. Jedem muss es so weit wie nur eben möglich gemacht werden, seine Fähigkeiten zu entwickeln und seine Einschränkungen zu überwinden.
  • Wissen und Bildung dienen nicht zur “Ertüchtigung im betrieblichen Produktionsprozess”, sondern sind unabdingbare Grundlagen der Freiheit. Die Umgestaltung der Schulen zu wirtschaftlichen Ertüchtigungsanstalten und die Umgestaltung der Hochschulen zu besseren Berufsschulen muss gestoppt werden. Ebenfalls muss der untragbare Luxus beendet werden, dass der Zugang zur Bildung nicht eine Frage der Fähigkeiten, sondern der Herkunft und des sozialen Kontextes ist. Das ferne Ziel, das sich heute schon in der eitlen biologischen Gattungsbezeichnung homo sapiens (weiser Mensch) ausdrückt, wird niemals vom homo oekonomicus (wirtschaftlicher Mensch) erreicht werden.
  • Die psychische Beschaffenheit des Menschen ist noch weniger ignorierbar als seine physische Beschaffenheit, obwohl sie quantitativ nicht erfassbar ist. Ein Mensch ist immer in erster Linie ein psychisches Wesen. Jemand, der erhebliche körperliche Einschränkungen hat, etwa ein Blinder, aber dabei über ein hohes Maß an psychischer Gesundheit verfügt, kann mit erstaunlicher Leichtigkeit diese Einschränkung bewältigen. Aber jemand, der umgekehrt über völlige physische Gesundheit verfügt, aber dabei psychisch deformiert ist, der ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Es muss damit aufgehört werden, die Psyche des Menschen wie ein lästiges Anhängsel zu bekämpfen und die Opfer dieses Kampfes mit dem bösen Wort vom “nur psychisch” zu verunglimpfen. Ebenso darf es sich eine menschliche Gesellschaft nicht weiter leisten, dass die Erfüllung psychischer Bedürfnisse allein in den Händen der Werber, Sekten und religiösen Institutionen verbleibt, obwohl dort diese Bedürfnisse nur zum Zweck des finanziellen Gewinns und des Machterwerbs ausgebeutet und flugs abgespeist werden. Ebenso muss die gewaltvolle Unsitte beendet werden, Menschen durch Vermittlung von Angst zum gewünschten Verhalten zu bewegen.

Jeder Mensch ist aufgefordert, diese fragmentarische Liste um weitere wichtige Punkte zu ergänzen. Und. Jeder Mensch ist aufgefordert, für diese “neue Aufklärung” einzustehen und im Zweifelsfall zu kämpfen, wo andere Abhilfe nicht möglich ist.