Archive for Oktober, 2006


Der Reklamecharakter des Politischen

Menschen mit politischem Macht- und Gestaltungswillen offenbaren ihre Unehrlichkeit darin, dass sie so gern davon sprechen, was sie für andere erreichen wollen, ihre persönlichen Ziele jedoch dabei verschweigen. In dieser Kombination aus Verschweigen und Anpreisen offenbart sich der Reklamecharakter des Politischen, der denn durch die gleichermaßen in Slogans abdriftende wie Nichts sagende Sprache der gegenwärtigen politischen Rede vollendet wird. Wie bei jeder anderen Form der Reklame soll hier den Menschen etwas verkauft werden, was sie gar nicht benötigen — und zwar nur, damit der Verkäufer davon profitiert.

Die Übernahme dieser Form durch die vorgebliche Opposition hat die Idee der Opposition ausgehöhlt; von dieser fühlbaren Leere sind auch solche Bewegungen betroffen, die eine völlig andere, vielleicht nicht bessere, aber doch weniger ungerechte Gesellschaftsordnung erreichen wollen. Der Unterschied zwischen der wirtschaftlichen Nullkommunikation “Esso: Pack’ den Tiger in den Tank” und der politschen Nullkommunikation “Nazis raus aus den Köpfen. PDS.” ist erschreckend gering. In allen diesen Formen der Reklame zeigt sich die Reduktion des Menschenbildes auf einen hirnlosen Konsumtrottel, dessen Verhalten mit geeigneten Bildern und Affekten zu steuern ist. In der politischen Werbung wird der Zerfall der Idee der Demokratie sichtbar.

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Leben in der Wüste

Frucht-Oase - die Bezeichnung eines mit Vitaminen angereicherten Obstsaftes

Die häufige Verwendung des Wortes “Oase” in der Reklame für Säfte und Fruchtgetränke reflektiert die Tatsache, dass die normale Lebenswelt der Menschen unter den Bedingungen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses längst zu einer Wüste geworden ist.

Der Scan stammt von einer Fruchtsaftverpackung des Billiganbieters “Aldi”.

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Was an der Bibel stört

Was an der Bibel stört, ist die einfache Tatsache, dass in den letzten ca. 1800 Jahren niemand eine Fortsetzung geschrieben hat.

Statt jungen, ehrgeizigen Autoren die Gelegenheit zu geben, sich im schwierigen Geschäft des Schreibens heiliger Bücher zu profilieren, zog es das religiöse Establishment vor, das Werk einfach als abgeschlossen zu erklären. Damit wurde der gesamte Text dem Tod geweiht, weil er immer mehr seine Wurzeln in der alltäglichen Lebenswirklichkeit verlor.

Dieser Tod der schriftlichen Grundlagen hat auf die gesamte Religion übergegriffen, die sich daran festmacht; von dort strahlte dieser kalte Tod auf die Gesellschaft aus, die sich diese Religion zur Grundlage erkor. Man spricht in Parabeln von Fischfang, Obstbaum und Ernte zu Menschen, denen dieser einfache, ländliche Kosmos unter den Bedinungen abstrakter Arbeit und abstrakter Güter so fremd ist wie der heutigen Wissenschaft die Lebensformen ferner Planeten. Die fernen Parabeln entwickeln unterdessen ihr Eigenleben, werden selbst abstrakte Chiffren dessen, was ursprünglich von Jesus aus Nazaret als etwas jedem Menschen Nahes und damit auch Warmes gemeint war. Unter dem Schutz dieser Chiffren können die pfäffischen Verbrecher und Jesusverkäufer ihr verachtenswürdiges Blendwerk aufbauen.

Und das nur, weil niemand eine Fortsetzung geschrieben hat. Eine Fortsetzung der Bibel. Schon die Angst vor einem solche Gedanken zeigt die ganze Gottlosigkeit des religiösen Betriebs, während damals die ersten Gläubigen noch vermeinten, von Gott in Form des heiligen Geistes selbst bewegt zu sein.

Heute herrscht die Geistlosigkeit kalter theologischer Dissertationen, die alte, unverständliche Texte durchkauen.

Nicht daß wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sonder daß wir tüchtig sind ist von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.

2. Kor. 3, 5-6, zitiert nach der revidierten Luther-Übersetzung

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Das traurigste Problem, wenn irgendwelche staatlichen Organisationen im Rahmen ihrer Tätigkeit etwas mitlesen: Die beflissenen Diener des Staates interessieren sich nur für Stellen und niemals für die ganzen Texte.

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Mein Name ist Bond

Aus dem Material der James-Bond-Filme könnte man ein gesamtes Kompendium jenes fehlgeleiteten Ideals der Männlichkeit erstellen, das in den letzten Jahrzehnten zu den schlimmsten Exzessen sowohl im familären als auch im wirtschaftlich-politischen Bereich geführt hat. Bei aller scheinbaren Gesetzlosigkeit des dort angebotenen Ideales ist es bemerkenswert spießbürgerlich und unterwürfig, sowohl was die vermittelte Frauenrolle, als auch was das Erlangen persönlicher Macht durch Technik und die Verachtung alles Lebenden in der Unterordnung unter abstrakte Selbstzweck-Mechanismen betrifft. Nur die Verzerrung des ganz alltäglichen Wahnsinnes zu dieser grotesken Karikatur in Verbindung mit der dort dargestellten ständigen sexuellen Aktivität und Attraktivität ermöglicht es, dass Menschen mit einem kleinen, normalen Nutzleben so eine fragwürdige Darbietung als Form der Unterhaltung betrachten können.

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Schindlers Liste auf VOX

Schindlers Liste als Highlight des Abends im Fernsenen, ein Tipp von Einkauf Aktuell

Nichts könnte deutlicher machen, dass auch der so genannte “Holocaust” — ein staatlich organisierter und mit industrieller Methodik durchgeführter Massenmord an vielen Millionen Menschen — inzwischen kommensurabel und konsumierbar geworden ist als der Blick in das Fernsehprogramm für den heutigen Abend. (Der Scan wurde dem Reklameblatt “Einkauf aktuell” entnommen.)

Da gerät die Ausbeutung des Themas durch die Contentindustrie auf eine Stufe mit einem “Actionthriller” und dem dümmlichen Technik-Evangelium von “Star Trek”. Und genau wie jene wird auch “Schindlers Liste” gewiss von irgendeinem Markennamen “präsentiert” werden und fünf- bis achtmal durch Werbung unterbrochen werden, auf dass sich der Aufkauf dieses “Contents” für VOX auch richtig gelohnt hat. Hier zeigt sich die gleiche Herzenskälte, Fühlverweigerung und barbarische Rohheit, die schon zur Zeit des Hitlerregimes den Großmord möglich gemacht hat, nur dass nun nicht mehr rassische Gesichtspunkte zur Rechtfertigung des Unmenschentums dienen, sondern merkantile. Hinter den nüchternen Zeiten und Titeln im Fernsehprogramm zeigt sich der kryptofaschitische Charakter der totalitären und alles an sich reißenden Marktwirtschaft, hier in ihrer Ausprägung als Contentindustrie.

Und keiner sage, Spielberg selbst habe eine solche Nutzbarmachung seines Werkes nicht gewollt. Nicht nur, dass Spielberg mit der Entdeckung seiner “jüdischen Identität” so lange gewartet hat, bis so viel Gras über die Leichenberge gewachsen war, dass man einen unterhaltsamen und kassenträchtigen Spielfilm dazu machen konnte. Es ist auch völlig auszuschließen, dass ein zugegebenermaßen mehr als nur talentierter Regisseur wie Spielberg nichts von den Mechanismen derjenigen Industrie weiß oder wußte, deren geschäftige Mühlen er regelmäßig mit neuen Werken füttert.

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Wer immer von diesen schönen Zeiten seines Lebens schwärmt, die doch schon lange vergangen sind, belegt damit, dass er in der Gegenwart nicht mehr wirklich lebt. Die intensive Beschäftigung mit den Dingen der Vergangenheit wird zum deutlichsten Zeichen einer Vergänglichkeit, die zur Unzeit, schon vor dem physischen Ableben zu ihrem psychischen Recht gekommen ist. Solche Menschen balsamieren sich bei lebendigem Leibe ein.

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Für die Hoffenden

Hoffnung ist die zweite Seele der Unglücklichen.

Goethe

Vom Preis

Für jemanden, der seine fünf Sinne beisammen hat und der unvoreingenommen über die Erscheinungen in seiner Umgebung nachdenkt, ist diese Welt voller Rätsel. Sie wirkt unter den Bedinungen des gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozesses geradezu geisteskrank.

Dieses Kranke in der Gesellschaft zeigt sich schon in Alltäglichkeiten, etwa beim Einkaufen von Grundnahrungsmitteln.

Wenn man etwa Mehl kaufen will und vor dem Regal steht, kann man es sehen. Es gibt Auszugsmehl, das mit einem aufwändigen technischen Verfahren von allen “Ballaststoffen” befreit wurde. Und es gibt Vollkornmehl, bei dem dies nicht geschehen ist.

Es wäre völlig logisch, machte sich der größere Aufwand in der Herstellung von Auszugmehl im Preis bemerkbar, indem die erhöhten Kosten an den Käufer weitergegeben würden. Aber erstaunlicherweise ist es genau umgekehrt, das aufwändig hergestellte Auszugsmehl ist billiger als das mit weniger Aufwand hergestellte Vollkornmehl. Irgendein Grund ist hierfür nicht erkennbar.

Kaum etwas könnte deutlicher machen, wie sich der Preis einer Sache (und wahrscheinlich sogar aller Dinge) von allen normalen wirtschaftlichen Mechanismen entkoppelt hat und nur noch über mediale Kampagnen und Werbung “erzeugt” wird. Man bewirbt das weniger bearbeitete und “veredelte” Produkt einfach als das “hochwertigere” und verkauft es dann zu einem höheren Preis.

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Communities

Wenn Menschen ihre Kontakte über das lichtschnelle und anonyme Medium Internet pflegen und dabei Gruppen bilden, nennt man diese Erscheinung eine “Community“. Das deutsche Wort “Gemeinschaft” wäre bei diesem kaum verbindenden Nebeneinander der Vereinzelten auch ein fühlbarer und schmerzhafter Hohn auf die Wirklichkeit.

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Abendlied für die Unterschicht

Jeder Denkende, der die gegenwärtigen politischen Reflexhandlungen um das Wort “Unterschicht” miterleben muss, fragt sich unwillkürlich, ob darin nicht eine dumpfe und wohl begründete Angst der gesamten Parallelgesellschaft der politischen Kaste vor dem Entstehen eines Klassenbewusstseins sichtbar wird.

Und dann hört er säuselnd und schleimig den monotonen Chor aus tausenden gieriger, politischer Münder durch die Nacht singen. Am Abend der kapitalistischen Gesellschaft klingt das Wiegenlied für die Unterschicht; und natürlich auch für jene Menschen, die noch nicht zu ihr gehören:

Es gibt hier keine Unterschichten,
nein, arme Menschen gibt’s mitnichten.
Und was sie in den Städten sehen,
die Rentner, die den Müll durchgehen,
die Penner auf dem Bett aus Pappe —
Halten sie die Klappe!

Wirtschaft. Wachstum. Arbeit. Wohlstand.
Börse. Leistung. Vorwärts Deutschland!

Die müssen sich nur integrieren
denn brauchen sie nicht mehr zu frieren.
Die kriegen von uns große Worte.
Das ist doch fast die ganze Torte!
Die Armut ist nur Propaganda —
Blah blah blah blahblablah…

Wirtschaft. Wachstum. Arbeit. Wohlstand.
Börse. Leistung. Unser Deutschland!

Es gibt hier keine Unterschichten:
Nein! Arme Menschen sind zu richten:
Sie zeigen nicht den rechten Willen,
sie schauen nicht durch uns’re Brillen.
Richtig ist nur uns’re Predigt —
Und das Problem erledigt!

Wirtschaft. Wachstum. Arbeit. Wohlstand.
Schlaf bloß weiter, armes Deutschland!

Liebe Bürger (und Bürgerinnen), gute Nacht!
Auf das ihr nicht so bald erwacht.

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Das Glas

Das Glas ist nicht halb voll. Das Glas ist auch nicht halb leer. Das Glas ist zerbrochen.

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