Ich habe eben einen wirklich guten deutschen Schlager gehört, und das hat mich geradezu erschüttert. Es handelt sich um das hübsche Lied “Mein Kind, schlaf ein” von Alexandra. Es kommt aus den späten 60er Jahren.
Alexandra war zu ihrer Zeit ein ganz gewöhnliches Produkt der Contentindustrie, das auf dem Markt für Musikprodukte gehandelt wurde. Was sie von den heutigen Produkten der Contentindustrie, Unterbereich Musikindustrie, unterscheidet, sind zwei Dinge: Sie war musikalisch und sie hatte eine schöne Stimme. Darüber hinaus konnte man in vielen ihrer Texte erkennen, dass es sich bei Musik um eine Form der Kommunikation handelt, und nicht um einen dumpfen dummen Blah, der aus in schlichten Melodien eingebetteten Versatzstücken spießbürgerlicher Träume notdürftig zusammengeflickt wird.
Was sich in der Musik von Alexandra zeigte, war eine gewisse Qualität. Es ist die Qualität, die bei den heutigen Auswürfen der Contentindustrie fehlt. Diese Qualität war an eine Persönlichkeit gebunden, die zwar durch den industriellen Prozess marktfähig gemacht wurde und dadurch auch ruiniert wurde, aber dennoch ein völlig unverwechselbarer Mensch war. Im Gegensatz dazu sind die heutigen Produkte der Contentindustrie völlig austauschbar. Die grausamen Casting-Shows in den werbefinanzierten Fernsehsendern machen diese Austauschbarkeit sogar zu einem Prinzip der “Unterhaltung”. Im Mangel an Qualität und damit an Schönheit spiegelt sich die Rohheit und der menschliche Mangel derer wider, die von den Vermarktern der Contentindustrie schon unter dem unpersönlichen Wort der “Zielgruppe” zusammen gefasst werden. Es ist die Mehrheit der jetzt lebenden Menschen, die sich mit einer reinen Funktionsmusik begnügt und damit zeigt, dass sie die ihnen zugedachte gesellschaftliche Rolle als Funktionseinheit in einem industriellen Prozess fest verinnerlicht hat.
Dass ich eben nach sehr langer Zeit wieder einmal ein Lied von Alexandra hörte (und auch noch ein gutes), war wie die Erfahrung einer Zeitmaschine. Sie trug mich zurück in eine Zeit, die auch schon scheußlich war. Im Vergleich zur jetzigen Zeit wirkt diese Zeit jedoch beinahe lichtvoll. Und das war eine deprimierende Erfahrung.