Archive for Juli, 2006


Hasenfüße

Es gibt dieses Jahr viele Kaninchen. Wenn man des Nachts im Randbereich der Zivilisation seine Wege zieht, kann man sehen, wie sie vor einem die Flucht ergreifen. Hasen sind viel seltener zu sehen.

Wenn ein Mensch einen anderen Menschen einen Hasenfuß nennt, denn unterstellt er ihm Feigheit, und die wird für verachtenswert gehalten. Dabei gehören sowohl die Kaninchen als auch die Hasen zu den angenehmsten Tieren, die einem begegnen können. Sie nehmen einfach das, was im Überfluss da ist und verzichten auf jeden sinnlosen Kampf. Ich wollte, es gäbe mehr Hasenfüße unter den Menschen.

Der Prozess

Erkenntnis verwandelt Angst in Wissen. Angst verwandelt Wissen in Dummheit. Dummheit erschwert tiefere Erkenntnis durch unverständige Angst. Das ist der ganze Prozess, der unter günstigen Umständen auch Vernunft hervorbringen kann.

Ex und hopp

Mehr als 20 Prozent der Handybesitzer zwischen 18 und 24 Jahren haben schon mindestens einmal in ihrem noch jungen Leben eine Beziehung schnell, einfach und bequem mit einer SMS beendet. (Quelle: handy-weblog)

Was einst lichtvoll und paradieshaft als Zukunft unter dem Banner des Fortschritts und der Technologie am Horizont dämmerte, entpuppt sich immer mehr als die irdische Ausgabe der Hölle. Wo Menschen die Technik nicht verwenden, um sich das Leben zu vereinfachen, sondern ihr Leben unreflektiert an die Technik anpassen, da bekommt jede menschliche Geste etwas mechanisches und kaltes.

In den Hundstagen haben die Nächte etwas schafhaft friedliches.

Stromlose Dunkelheit

Wenn jemanden im höchsten und hellsten Sommer um 15 Uhr nachmittags die Straßen einer deutschen Großstadt dunkel erscheinen, weil für zwei Stunden die Versorgung mit elektrischem Strom zusammenbricht, denn sieht es wirklich finster in Deutschland aus:

Ich nehme lieber die Treppe, schlendere die Straße hinab, bemerke erstmals wie dunkel diese tagsüber scheint, wenn in keiner Wohnung, keinem Laden Licht brennt.

Nichts hat mir in den letzten Jahren so deutlich gezeigt, dass die Städte kein Ort mehr für Menschen sind.

Die unwichtige Meldung des Tages bei heute.de:

[Der Papst (meine Anmerkung)] Benedikt will noch vor seinem Heimatbesuch in Bayern im Abruzzen-Dorf Manoppello vor einem hauchdünnen Stück Stoff beten, das den geschundenen und malträtierten Kopf eines Mannes zeigt.

So sehr der Besuch dieses Menschen bei einer fragwürdigen Reliquie auch als große Überraschung empfunden wird, er passt zur Theologie und zum Menschenbild des gegenwärtigen Papstes. Diese sind mit unversehrtem Kopf kaum zu ertragen.

Nachdem das LSD mitsamt den anderen Drogen so sehr in Verruf geraten ist, scheinen viele Menschen unter einer Bewusstseinserweiterung nur noch eine Vergrößerung der Bildschirmdiagonale ihres Fernsehers zu verstehen.

Früher haben die Menschen Lärm gemacht, um die Geister zu vertreiben. Heute machen die Menschen Lärm, um den Geist zu vertreiben.

So lange Menschen noch etwas hoffen, kann man jede weitere Hoffnung aufgeben.

Der Hoffene hofft ja darauf, dass ihn der glückliche Zufall trifft, dass ihm etwas zufällt. Er besinnt sich nicht auf die eigenen Möglichkeiten und die eigene Kraft, so gering diese auch sein mögen. Darauf brauchte er auch nicht zu hoffen, sie sind schon da. Er wartet stattdessen auf das Eintreffen günstiger Umstände außerhalb des Bereichs seiner eigenen Möglichkeiten. Diese Haltung des Wartens ist eine passive Haltung. In der Grammatik gibt es ein klares deutsches Wort für die lateinische Bezeichnung “passiv”, und dieses Wort lautet “Leideform“.

Und so hört man sie denn, die hoffnungslos Hoffenden: “Die da oben machen ja doch, was sie wollen”, “Man kriegt im Leben nichts geschenkt” und “Vielleicht gewinne ich nächste Woche im Lotto”. Mit welcher religiöser Inbrust und sklavischen Hingabe das Hoffen aufrecht erhalten wird, kann jeder bei einem Lottospieler erfahren, wenn er ihn darauf hinweist, dass es sich dabei nur um eine freiwillig bezahlte Steuer handelt. Solcher hoffnungsloser (und damit befreiender) Klarheit schlägt auffallend häufig der nackte Hass entgegen.

Das Grauen

Wenn im Sommer morgens die Dämmerung kommt, ist der Tag noch unverbraucht und angenehm kühl. Er ist auch noch relativ ruhig, verglichen mit dem Ohren betäubenden Tosen, welches die hastvolle und mechanische Geschäftigkeit der Menschen im Jetzt begleitet. Es sind nur die ersten, die lärmend ihres sinnlosen Weges ziehen.

Wenn im Sommer morgens die Dämmerung kommt und man liegt als Nachtwächter fernab der elektrischen Lichter müßig im Gras und schaut zum Himmel auf, denn ist er wie eine gewaltige Kuppel, die langsam vom Licht des neuen Tages erobert wird. Bei diesem schönen Schauspiel bildet das Licht auf der scheinbaren Kuppel des Himmels einen Farbverlauf, der einem riesigen Regenbogen ähnlich ist.

Die von allem Leben entfremdeten Menschen im Jetzt haben für dieses bunte Schauspiel ein Wort, das die Trübsal ihres Lebens dokumentiert. Sie nennen es Morgengrauen.

Ich habe eben einen wirklich guten deutschen Schlager gehört, und das hat mich geradezu erschüttert. Es handelt sich um das hübsche Lied “Mein Kind, schlaf ein” von Alexandra. Es kommt aus den späten 60er Jahren.

Alexandra war zu ihrer Zeit ein ganz gewöhnliches Produkt der Contentindustrie, das auf dem Markt für Musikprodukte gehandelt wurde. Was sie von den heutigen Produkten der Contentindustrie, Unterbereich Musikindustrie, unterscheidet, sind zwei Dinge: Sie war musikalisch und sie hatte eine schöne Stimme. Darüber hinaus konnte man in vielen ihrer Texte erkennen, dass es sich bei Musik um eine Form der Kommunikation handelt, und nicht um einen dumpfen dummen Blah, der aus in schlichten Melodien eingebetteten Versatzstücken spießbürgerlicher Träume notdürftig zusammengeflickt wird.

Was sich in der Musik von Alexandra zeigte, war eine gewisse Qualität. Es ist die Qualität, die bei den heutigen Auswürfen der Contentindustrie fehlt. Diese Qualität war an eine Persönlichkeit gebunden, die zwar durch den industriellen Prozess marktfähig gemacht wurde und dadurch auch ruiniert wurde, aber dennoch ein völlig unverwechselbarer Mensch war. Im Gegensatz dazu sind die heutigen Produkte der Contentindustrie völlig austauschbar. Die grausamen Casting-Shows in den werbefinanzierten Fernsehsendern machen diese Austauschbarkeit sogar zu einem Prinzip der “Unterhaltung”. Im Mangel an Qualität und damit an Schönheit spiegelt sich die Rohheit und der menschliche Mangel derer wider, die von den Vermarktern der Contentindustrie schon unter dem unpersönlichen Wort der “Zielgruppe” zusammen gefasst werden. Es ist die Mehrheit der jetzt lebenden Menschen, die sich mit einer reinen Funktionsmusik begnügt und damit zeigt, dass sie die ihnen zugedachte gesellschaftliche Rolle als Funktionseinheit in einem industriellen Prozess fest verinnerlicht hat.

Dass ich eben nach sehr langer Zeit wieder einmal ein Lied von Alexandra hörte (und auch noch ein gutes), war wie die Erfahrung einer Zeitmaschine. Sie trug mich zurück in eine Zeit, die auch schon scheußlich war. Im Vergleich zur jetzigen Zeit wirkt diese Zeit jedoch beinahe lichtvoll. Und das war eine deprimierende Erfahrung.

Wenn ich die Radfahrer sehe, die in der Nacht ohne Licht, auf der falschen Seite der Straße und ohne jede Vorsicht fahren, stelle ich mir immer wieder die gleiche Frage: Wollen diese Menschen nichts sehen, oder wollen sie nicht gesehen werden?

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