Immer wieder kann man Jugendliche hören, die durch die Straßen ziehen, sogar in der Nacht. Genauer gesagt, man hört nicht die Jugendlichen, sondern man hört ihre Telefone. Und dies nicht etwa, weil die Jugendlichen damit telefonierten, sondern weil sie damit “Musik” hören. Es ist ein scheppernder, blechiger Klang, der da durch die Straßen wandelt. Spätabends und Nachts ist die blecherne Musik aus den Handys besonders gut hörbar, weil sie nicht von den sonstigen Geräuschen übertönt wird.

Als ein Mensch, der miterleben durfte, wie sich die Qualität der Klangwiedergabe so sehr verbessert hat, dass die Werbung schon von HiFi sprach, und der anschließend miterleben durfte, wie diese brauchbare Klangqualtät bezahlbar wurde und so nach und nach jeden Haushalt eroberte, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Es gibt offenbar unter den jungen Musikhörern einen Markt für LoFi-Wiedergabe. Und die geringe Qualität des dabei erzeugten Klanges, die bei längerem Hören Kopfschmerzen verursachen kann, steht in passendem Verhältnis zur geringen Qualität der gegenwärtigen Popmusik, die ebenfalls Kopfschmerzen verursachen kann. Tröstlich, dass die moderne Welt auch Kopfschmerztabletten kennt. ;-)

Aber es hat auch etwas von einem déjà vu. Als ich noch Kind war, durfte ich einen anderen technischen “Fortschritt” erleben, das Transistorradio. Diese kleinen Geräte galten damals als “modern”, und sie sahen auch so aus. Ihre Gehäuse waren im Stile der Zeit gehalten, häufig silbrig und schwarz, aber auch oft weinrot. Als Ikone ihrer Modernität druckte man diesen Geräten gern einen stilisierten Atomkern auf, der von Elektronen umkreist wurde. Das war damals noch das Symbol der modernen Zeit, der Zukunft, des Bruchs mit antiken Beschränkungen. Sie verfügten über zwei Drehregler. Einer diente zur Einstellung des Senders. Der andere diente zum Einschalten (mit deutlichem Klick aus der Nullposition heraus) und zur Regulierung der Lautstärke. Den Lautstärkeregler konnte man ungefähr bis zur Hälfte des Regelbereiches drehen, darüber hinaus begann der Verstärker zu verzerren und das billige Plastikgehäuse zu vibrieren. Die meisten Menschen drehten die Regler damals deutlich über diese Grenze hinaus. Scheinbar, ohne es zu merken.

Und auch damals hatten viele jüngere Menschen ihr Radio dabei. Überall, wo sie hingingen. Ob es passte oder nicht. Und es hat gescheppert und gescheppert. Wahrscheinlich hielten sie das für persönliche Unabhängigkeit. Für die unfreiwilligen Mithörer war es hingegen einfach nur ein Lärm, der an Stellen, die vorher ruhig waren besonders störte. Es gibt eben nichts neues unter der Sonne. Und es gibt nichts neues unter dem Mond.

Aber doch, eines ist neu: Man verkauft den heutigen Hirnlosen jedes Musikstück einzeln. Auch das wird wohl für Unabhängigkeit gehalten. Aber erstaunlicherweise hören alle das gleiche. In der gleichen, unzumutbaren Qualität.

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