Die Neurose vertritt in unserer Zeit das Kloster, in welches sich alle die Personen zurückzuziehen pflegten, die das Leben enttäuscht hatte, oder die sich für das Leben zu schwach fühlten.
Sigmund Freud, Fünf Vorlesungen
Die Neurose vertritt in unserer Zeit das Kloster, in welches sich alle die Personen zurückzuziehen pflegten, die das Leben enttäuscht hatte, oder die sich für das Leben zu schwach fühlten.
Sigmund Freud, Fünf Vorlesungen
Immer wieder muss ich bei meiner täglichen Lektüre (mit wachsendem Missvergnügen) Blogger lesen, die unter einem offenbar fortschreitenden Realitätsverlust leiden und deshalb wie besoffen schreiben, dass das Internet und die menschliche Tätigkeit des Bloggens eine mediale Revolution auslösen werde, ja, dass sie diese schon ausgelöst habe und dass diese Revolution alles verändern werde. Ich weiß nicht, in welcher Welt diese Menschen leben, wenn sie sich wegen einiger tausend Klicks auf ihre Texte schon für dermaßen wichtig halten — vermutlich in ihrer eigenen, und vermutlich haben sie auch deshalb so selten etwas Interessantes mitzuteilen. Das heißt aber nicht, dass nicht viele der so Redenden allerlei seltsame und wenig erfolgverheißende Geschäftsideen mit ihrem bisschen Internet verbänden…
Wie unbedeutend so ein Blog wirklich ist, und wie bedeutend die „etablierten“, also zentral organisierten Medien auch unter den Bedingungen der heutigen Allgegenwart des Internet sind, habe ich soeben am eigenen Beispiel erfahren dürfen.
Seit Juli 2005 führe ich ein kleines und kaum beachtetes Blog über meine paar Beiträge zum Verständnis des so genannten Voynich-Manuskriptes. Die Beschäftigung mit einem bis unentzifferten Manuskript in einer mittelalterlichen Geheimschrift ist ein sehr spezielles Thema, und es ist nur deshalb ein Blog daraus geworden, weil ich mit WordPress einigermaßen gut umgehen kann und aus diesem Grunde nur wenig Lust dazu verspürte, eine andere Software zur Inhaltsverwaltung einzusetzen. Für jemanden, der gern verfolgen möchte, wie ich im Dunkeln tappe, ist die kalendarische Darbietung der scheiternden Untersuchungen und des zähen Ringens um etwas Einsicht allerdings auch ein hübscher Einblick.
Die meisten Menschen sind daran offenbar eher desinteressiert, zumal sich auch die eine oder andere Sackgasse in den teilweise sehr langen, mit Daten gespickten Texten findet. Ich kann das durchaus verstehen. Um Unterhaltung geht es mir nicht, ich bringe keine völlig unbelegten Thesen (obwohl: manchmal geht es auch mit mir durch…) und keine aufregenden Bilder, ich dokumentiere einfach nur in sehr unregelmäßigen Abständen, was mir bei dieser Beschäftigung so widerfährt, welche Ideen ich verfolge, was mir auffällt und was ich generell in diesem Kontext für interessant und beachtenswert halte. Dies verbindet sich mit einer neutralen (also nicht nach meinen Auffassungen ausgerichteten und deshalb auch für esoterische Ansätze offenen) Linkliste auf die wenigen deutschsprachigen Resourcen und einer weiteren Linkliste wichtiger Websites in englischer Sprache, ferner stelle ich meine Software für die Bearbeitung von Transkriptionen und meine wenigen Ergebnisse zum freien Download zur Verfügung. Sicher, etwas Lustiges gibt es dabei auch manchmal…
Dies alles ist nicht die Art von Stoff, die jemand zu genießen gedenkt, der einfach nur etwas Zerstreuung sucht, um die objektive Leere seines Daseins nicht fühlen zu müssen. Und dem entsprechend wenig Leser hat dieses kleine Blog — aber für viele dieser Leser mit einem speziellen Interesse ist das Blog eine Quelle relevanter Informationen geworden.
Nun, es bedurfte nur eines einzigen, vergleichsweise banalen Ereignisses, um das (vorübergehend) zu ändern und viele „interessierte“ Leser zu haben. Gestern, am 5. November, brachte das ZDF zur besten Sendezeit einen — soweit mir das mitgeteilt wurde, dem Standard dieses Senders entsprechend eher dürftigen und wenig sehenswerten — Krimi, in welchem das Voynich-Manuskript eine zentrale Rolle in einem Mordfall einnahm. Es bedurfte nur dieser einen Unterhaltungsproduktion eines zentral organisierten Mediums, um den Server, auf dem das Voynich-Blog betrieben wird, für einige Stunden unter Hochlast zu bringen und in drei Stunden mit einer Anzahl von geballt auftretenden Zugriffen zu konfrontieren, die sonst in einem halben Jahr anfällt. Ich wurde im Verlauf dieses Abends sehr froh darüber, dass ich bei der letzten größeren Serverwartung Vorsorge für eventuelle Lastspitzen betrieben hatte, sonst wäre der arme Server heute unter dieser Last zusammengebrochen.
Wo ist die „Revolution“ durch regelmäßiges Füllen von Websites mit irgendwelchen Inhalten, von der gewisse (dabei überdeutlich am Geschäft interessierte) Menschen so unentwegt schreiben und reden? Dieses eine Beispiel eines zuvor eher unbekannten Themas, das von einem deutschen Fernsehsender in einem abstrusen Kontext aufgegriffen wurde, hat gezeigt, wo hier medial „der Hammer hängt“, welche Medien die Themen vorgeben, für die sich die Menschen in ihrer Mehrzahl interessieren — während für die meisten „normalen“ Internet-Nutzer das Internet vor allem aus jenen großen Portal-Seiten besteht, die ebenfalls mit den von zentral organisierten Medien vorgegebenen Themen aufgefüllt werden. Angesichts des Wahlergebnisses der Piratenpartei würde ich einmal vorsichtig vermuten, dass die Menschen, die wirklich schon jeden Tag und beinahe ausschließlich vom Geist eines völlig dezentralen Mediums atmen, gerade einmal zwei Prozent der gegenwärtigen Gesellschaft in der BRD ausmachen und damit eine nicht einmal große Minderheit sind. Sicher, das kann und wird sich zumglück ändern. Aber. Nicht so schnell…
[Eine gesellschaftliche Entwicklung vollzieht sich nun einmal langsamer als die Einführung einer neuen Technik. Und wer auf die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss nehmen will, braucht einen langen Atem und eine hohe Toleranz gegenüber dem täglichen Frust -- was beides nur durchzuhalten ist, wenn diese Einflussnahme mit intensiver gedanklicher Arbeit, Planung und vernünftiger, regelmäßig an der Wirklichkeit überprüfter Theoriebildung einher geht. Da sehe ich bei vielen Bloggenden mit großem Anspruch schwarz.]
Und ich bin der Meinung, dass das jeder Blogger wissen sollte. Allein schon. Um nicht in der eigenen Selbstbezüglichkeit beim Anblick von einigen Zugriffsstatistiken irre zu werden. Und sich stattdessen lieber auf das zu konzentrieren, wofür man bloggt — auf das Schreiben persönlich geprägter, manchmal sogar interessanter Texte zu den Erlebnissen und Bedingungen des eigenen Daseins.
Und von diesem „Twitter“, diesem kastrierten Blogverfahren für Menschen, die nicht schreiben können. Will ich gar nicht erst reden…
Nur das noch: RT @GWUP Stoppt den Sieg der #Homöopathen! Stimmt für die #Sozialhelden! http://crippled/crypted/url
In München, wo vor ein paar Wochen der 50jährige Mann totgeschlagen wurde, standen 15 Leute auf dem Bahnsteig. Das ist das eigentliche Problem. Darüber redet kaum einer. Das ist die Gesellschaftsform, in der wir heute leben. Das ist die Parallele zwischen Beeskow und München.
Wenn ich die angesammelte Spam durchgehe und mir anschaue, welches Menschenbild sich darin manifestiert, denn sehe ich vor mir jemanden, der allerlei Medikamente braucht, um sich zu sedieren, um trotz enormer Anforderungen durchzuhalten oder um überhaupt noch koitieren zu können, jemanden, der kein Empfinden für seinen eigenen Wert als Mensch hat und sich deshalb mit allerlei billig gemachten Produkten behängt, deren Marken sein Leben mit Wert ausstatten und jemanden, dessen Leben so maßlos öde ist, dass er sein trotz dieser idiotischen Tätigkeiten verbliebenes Geld in diversen „aufregenden Spielen“ verschleudern muss, damit nicht die übermächtige Langeweile in sein Herzfleisch beißt. Und wenn ich mir die gewöhnliche, legale, allgegenwärtige Werbung anschaue und mir anschaue, welches Menschenbild sich darin manifestiert, kann ich kaum einen Unterschied erblicken. Wie trefflich sich doch das beschädigte Dasein in der Reklame spiegelt!
Es entbehrt nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik, dass die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika — also des Staates, der maßgeblich dafür Sorge trug und trägt, dass die Hanfpflanze wegen gewisser Inhaltstoffe weltweit kriminalisiert werde — ausgerechnet auf Hanfpapier geschrieben wurde.
Harold Hirsch ist der Name eines US-amerikanischen Anwaltes. Er war ab 1909 bei der Coca Cola Company verantwortlich für Rechtsangelegenheiten. Um die Marke für eine braune, zuckrige Brause durchzusetzen — das Wort „Coca Cola“ war in der Umgangssprache der einfachen Menschen längst ein Gattungsbegriff für diese Art von alkoholfreier, mit Koffein und teils auch noch Kokain versetzter, anregender Limonade geworden — beauftragte und bezahlte er etliche Detektive, die in den damals populären Soda-Bars als Kunden auftraten und auf diese Weise Proben der dort unter der Bezeichnung „Coca Cola“ ausgeschenkten Limonaden nahmen. Auf diese Weise ermittelte er, ob dort auch wirklich das Produkt der Coca Cola Company ausgeschenkt wurde, und jeden Verstoß ließ er gerichtlich verfolgen. Später optimierte er die Vorgehensweise, indem er im Jahre 1915 eine firmeneigene Abteilung für derartige Ermittlungen aufbaute. Die „Spione“ waren Angestellte mit einem richtigen Vollzeit-Job geworden, externe Dienstleister wurden nicht mehr benötigt und nicht mehr beauftragt. Ferner strengte Hirsch Prozesse gegen jede Getränkefirma an, deren Produktnamen auch nur eine entfernte klangliche Ähnlichkeit zu „Coca-Cola“ hatten, oder die ebenfalls rote Fässer verwendeten oder auch nur das rautenförmige Etikett der damaligen Flaschen mit Coca-Cola. Ferner versuchte er — in diesem einen Punkt erfolglos — die braune Farbe der Limonade als Bestandteil der Marke schützen zu lassen. Nach nicht einmal zwanzig Jahren hatte der Rechtsanwalt gut siebentausend Mitbewerber auf juristischem Wege „erledigt“ und strengte weiterhin jede Woche eine Klage an, und zwar mit einem für die meisten Gegner existenzbedrohenden Streitwert.
So entstand eine Weltmarke, die heute so gern mit allerlei lustvollen Attributen wirbt und für viel zu viele Menschen, in deren Hirne leider jeden Tag die Allgegenwart der Reklame prasselt, zu einer künstlichen Ikone der Lust und der Freiheit geworden ist. Der „american dream“ ist vor allem traumhaft für Besitzende mit einem Hang zur rücksichtslosen Durchsetzung ihrer Ansprüche. Alle anderen. Dürfen kaufen und trinken, was ihnen vorgesetzt wird, wenn sie das noch können.
In letzter Zeit, in der ich immer wieder über Abmahnungen gegen kleine, private Internetsites in der BRD lesen musste, musste ich oft an dieses kaum bekannte Detail der Geschichte der US-amerikanischen Popkultur denken.
Nichts verrät so deutlich die Rolle, die von Gefängnissen und anderen Ideen der Gewalt des „Rechtes“ eingenommen wird, um das Unrecht einer Minderheit von Menschen gegen die Mehrheit der Menschen zu erhalten, wie die einfach zu machende Beobachtung, welche Klasse von Verbrechern niemals ein Gefängnis von innen sehen muss.
Auf einem Traktat, das mir jemand beim Betteln an Stelle eines Brötchens in die Hand drückte, war nicht nur ein entzückendes, in der Sonne stehendes kleines Mädchen mit blonden Haaren, blauen Augen und einem weißen Kleid abgebildet, dass selbst Joseph Goebbels das Herz geschmolzen wäre. Nein, daneben standen auch noch die Worte „Gott lädt sie ein“. Das freilich, das empfand ich als eine unwiderstehliche Nachricht und ich nahm das Traktat an mich, um im Ganzkleingedruckten unter V.i.S.d.P endlich einmal die Anschrift dieses Gottes zu finden; vielleicht gibt es dort ja auch eine Beschwerdestelle, ich hätte so vieles zu reklamieren. Aber stattdessen fand ich dort wieder nur die Anschrift eines so genannten Missionswerkes…
Immer wieder bekommt man bei der Arbeit am Computer eine Fehlermeldung, die mit den Worten „Unerwarteter Fehler“ beginnt. Das wirkt sprachlich so, als seien die anderen Fehler „erwartete Fehler“, als habe sich der Programmierer beim Formulieren der Meldungen gedacht: „Wusste ich doch, dass der Anwender irgendwann einmal auf diesen Fehler stoßen würde, früher oder später kriegt dieser Fehler jeden.“ — aber ob dieser Sprachgebrauch wohl ein gutes Signal an einen Anwender ist?
Ich weiß gar nicht, warum hier in Deutschland dieses US-amerikanische Kinderfest namens „Helloween“ importiert wurde. (Nein, ich meine jetzt nicht das ursprüngliche pagane Fest zum Beginn des Winters im ursprünglichen Jahreslauf mit drei Jahreszeiten, bei dem man sich wohl mit gutem Recht beim Schlachten des schwächeren Viehs fragte, wer unter den Menschen wohl den kommenden Winter nicht überleben wird, sondern das moderne Zerrbild dieses Festes voller Konsum, Bespaßung und Todesverdrängung, dieses Spiegelbild des Weihnachtsfestes.) In Deutschland haben wir doch zurzeit das ganze Jahr hindurch Helloween…
Das sind die Produkte für die kommende Zeit:
Der Glückshut
Ein tragbares Gerät zur Konditionierung, das ermittelt, ob sie lächeln und für schmerzhaftes Feedback sorgt, wenn sie es nicht tun. Ein Stirnrunzeln verursacht starke Schmerzen, aber mit einem breiten Lächeln bleiben sie schmerzfrei. Das erste einer Reihe von Hilfsmitteln für die verbesserte soziale Interaktion.
Ein zugehöriger Krümmungssensor legt sich an die Wange und vermisst die Breite des Lächelns, ein Servomotor bewegt einen Metalldorn in den Kopf, und dies umgekehrt proportional zum Ausmaß des Lächelns. Durch fortgesetzte Anwendung dieses Werkzeuges zur Konditionierung können sie ihr Gehirn darin üben, unentwegt zu lächeln.
Lauren McCarthy hat den herrschenden Zeitgeist in schmerzhafte und sehr entlarvende Kunst verwandelt.